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Wir effizieren uns zu Tode

iGude!

Heute greife ich gleich mal in die Vollen und wage es, mich mit dieser steilen Aussage aus dem virtuellen Fenster zu legen: Es ist nötig, wieder mehr und vor allem effizienter zu arbeiten! Amen?

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kaue auf dieser Forderung noch ein wenig rum. Was meint das denn? „Wieder mehr arbeiten“ meint, dass wir in Deutschland einst mehr gearbeitet hatten, dann etwas weniger und jetzt wieder mehr arbeiten sollen. Und „wieder effizienter arbeiten“ meint das gleiche in Puncto Effizienz. So weit, so unklar.

Mein Reflex ist es, den Satz zunächst auf mich zu beziehen. Stimmt, früher habe ich mehr gearbeitet. Zu Zeiten meines Printmagazins Shift, also von 2014 bis 2016, waren das 70-80 Stunden pro Woche. Jetzt, zehn Jahre später, sind es nur noch 40 Stunden pro Woche. Soll ich künftig also wieder 70-80 Stunden pro Woche arbeiten? Und wie sieht’s mit meiner Effizienz aus? Ja, an manchen Tagen habe ich keinen besonders produktiven Tag, da hänge ich echt durch. Das war früher, in meinen 20ern, noch anders. Da hatte ich Energie ohne Ende, war stundenlang hochkonzentriert, no problem.

Nun frage ich mich also, wie das ganz praktisch aussehen soll: Ich soll also sowohl mehr als auch effizienter arbeiten. Das „Mehr“ würde mich über kurz oder lang möglicherweise in den Burnout treiben. Die geistige Arbeit, mit der ich zu tun habe, ist zwar nicht körperlich belastend, dafür mental. (Ich habe keine Ahnung, wie Friedrich Merz das alles mit seinen 69 Jahren hinbekommt.) Neben Burnout wären die direkten Konsequenzen, unter anderem weniger Zeit mit meiner Familie und Freunden zu verbringen. Nicht so nah dran an meinen Kindern zu sein. Mich weitestgehend komplett vom Haushalt zu verabschieden. Und Hobbys, die ich jetzt schon nicht habe, blieben dann weiterhin gestrichen. Denn die Zeit, die ein Tag hat, bleibt ja gleich. Irgendwie erscheint mir das nicht sonderlich attraktiv – aber was, wenn es notwendig ist?

Was die Effizienz anbelangt: Gut, dann lasse ich halt meine 5-Minuten-Ausflüge auf Kicker.de, um meine Birne baumeln zu lassen. Dann soll doch KI künftig meine E-Mails schreiben und Termine ausmachen, mir doch egal. Und dann bilde ich mich eben endlos fort, wie ich Prozesse noch schneller, schlanker, zielgerichteter abfrühstücken kann. Schneller, besser, weiter. Mehr, mehr, mehr.

Das mutet an wie die Geschichte mit dem Angler, der am Teich sitzt und gemütlich angelt. Da kommt ein Mann und fragt ihn, ob er seine Fische nicht verkaufen möchte. Wofür?, fragt der Angler. Um Geld zu verdienen, antwortet der Mann. Und was soll ich mit dem Geld machen? Na einen Mitarbeiter einstellen, der für dich angelt. Und was mache ich dann mit der freien Zeit? Na angeln.

Auf der individuellen Ebene habe ich nicht den Eindruck, dass mich diese Forderung weiterbringt. Und wie sieht’s auf gesellschaftlicher Ebene aus? Die psychische Belastung ist auf Rekordhoch, Tendenz weiter steigend. Ähnlich sieht es beim Drogenkonsum als einen weiteren Gradmesser für den geistigen und seelischen Zustand unserer Gesellschaft aus. Ob es da hilfreich ist, noch ne Schippe draufzulegen und dabei noch schneller zu schaufeln? I doubt it.

Aber im Vergleich mit anderen Ländern ist Deutschland fast Schlusslicht: Einer neuen Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge „arbeiten die Deutschen deutlich weniger Stunden als die Bewohner der meisten anderen Wirtschaftsnationen. Laut IW kam Deutschland 2023 auf rund 1.036 jährlich geleistete Arbeitsstunden je Einwohner im Erwerbsalter zwischen 15 und 64 Jahren. Im Vergleich aller OECD-Länder ist das der drittletzte Platz“.

Oha, faules Deutschland. Nun also doch Ärmel hochkrempeln und let’s go statt let’s play? Die Frage ist doch: Wofür eigentlich? Früher wurden Waschmaschinen, Züge und E-Mails erfunden, um uns wertvolle Zeit einzusparen. Heute sind wir gestresster, verspäteter und gehetzter denn je. (Und trotzdem halte ich die Waschmaschine für die vielleicht wichtigste Erfindung der Menschheit – ihre Abwesenheit würde sich sehr schnell sehr stark bemerkbar machen, so viel ist sicher.) Also irgendwie scheint das mit dem Angeln nicht aufzugehen.

Das Zitat oben stammt übrigens von unserem neuen Bundeskanzler Friedrich Merz. In seiner ersten Regierungserklärung hat er „eine Debatte über die Arbeitszeit in Deutschland angestoßen. Er verlangt eine ‚gewaltige Kraftanstrengung‘ von den Menschen, um das Land wieder wettbewerbsfähiger zu machen“, berichtet die Tagesschau. Merz' Kanzleramtsminister Thorsten Frei ergänzt: „Wir alle müssen aufpassen, dass wir vor lauter Work-Life-Balance nicht die Arbeit aus dem Blick verlieren.“ Die Gleichung lautet also wie folgt: Mehr Arbeit = mehr Wettbewerbsfähigkeit = mehr Wohlstand = mehr Lebenszufriedenheit.

Sofern wir das Ziel Lebenszufriedenheit teilen (eine Edition für sich!), stellt sich die Frage: Stimmt diese Gleichung denn? Also ist dieses stark simplifizierte Reverse-Engineering-Mindset an der Stelle zutreffend oder rückständig?

Johannes Kleske bringt diesen womöglich CDU-typischen und scheinbar noch immer vorherrschenden Merkel-Mindset gut auf den Punkt:

Es fehlt die Fähigkeit oder der Wille, vom Ende her zu denken. Die Frage „Wie soll Deutschland übermorgen aussehen und was kann ich heute tun, um dafür morgen Mehrheiten zu haben?“ kommt in ihrem Denken nicht vor. Stattdessen beschränkt sich der Handlungshorizont auf das, was im Hier und Jetzt mehrheitsfähig erscheint. Es ist eine Haltung des Reagierens, nicht des Gestaltens. (…) Es ist ein Denken, das Prozessoptimierung und Risikominimierung priorisiert, anstatt mutig neue Wege zu beschreiten.


In einem Punkt würde ich Kleske widersprechen: Ich glaube nicht, dass Merz nicht vom Ende her denkt. Nur frage ich mich eben, ob Merz’ Gleichung (noch) zutreffend ist. Aus meiner Sicht hat das viel mit dem Mindset zu tun. Dazu nochmal Kleske:

Besonders deutlich wird dies im aktuellen politischen Diskurs. Ein Blick in die Wahlprogramme der Parteien zur anstehenden Bundestagswahl zeigt eine erstaunliche Kontinuität Merkel’schen Denkens: Statt Visionen für Deutschlands Zukunft zu entwickeln, erschöpfen sich die Vorschläge in kleinteiligen Anpassungen des Status quo. Hier etwas mehr Geld für bestimmte Gruppen, dort strengere Regeln für andere – das sind Antworten aus der Vergangenheit auf die Herausforderungen der ZukunftGegenwart.


Natürlich kann man das auch anders sehen. Der Journalisten und Filmemacher Steffen Haug jedenfalls dürfte diese Sichtweise sicher teilen. Er hat gemeinsam mit Denise Jacobs die fünfteilige Doku Inside CDU realisiert und dafür Friedrich Merz über viele Monate hinweg begleitet. Und in der Podcast-Episode Inside CDU: Wie tickt Friedrich Merz wirklich? verrät er mehr über seine Sichtweise auf Merz. Inklusive einiger Insights, die noch keiner hier kennt. Auch du nicht, Leonard. ;)

Nicht falsch verstehen: Ich halte es nach wie vor für wichtig, dass wir Friedrich Merz und seinen Kumpanen eine faire Chance geben. Aber mit diesem Mindset habe ich so meine Zweifel, ob ihm das gelingen wird. Ich wünsche es ihm. Auch wenn ich nicht bereit bin, wieder 80 Stunden pro Woche zu arbeiten.

So, und jetzt geh ich erst mal auf Kicker.de. #EndlichWochenende

Bis nächste Woche

Dein Daniel

PS: Wie siehst du das mit der Gleichung? Bist du Team Merz oder hast du eine andere Gleichung? Antworte mir gerne auf diese E-Mail!

Hören.

Die heutige Episode von Lanz und Precht gefiel mir richtig gut. Wer meint, der ÖRR sende nur Mainstream und Einheitsbrei, hat die kluge und scharfsinnige Differenzierung von Richard David Precht in dieser Episode verkannt. Manchmal stimme ich ihm nicht zu, aber hier bin ich ganz bei ihm. Meinungsverschiedenheiten, die ohne Schaum vor dem Mund vorgetragen werden, sollten wir wieder neu aushalten lernen. Und vieles mehr. Hörenswert!

Sehen.

Schaut euch dieses 9-minütige Video nicht an. Spart euch die Zeit. Wirklich. Diese beiden Kommentare bringen ganz gut auf den Punkt, worum es hier inhaltlich geht:

The announcement is that there will be an announcement.

und

- Sam you are amazing
- Jony you are amazing
- Lets make something!
- Great plan, lets do it!

Drei Gedanken dazu:
  1. Dieses Video ist nicht von irgendwem, sondern von OpenAI (also die von ChatGPT).
  2. Sollten die beiden Dudes (Jony war lange Jahre der Designboss an der Seite von Steve Jobs) recht behalten, steht uns nächstes Jahr womöglich eine kleine Hardware-Revolution ins Haus. Was längst überfällig wäre, da Smartphones heutzutage schon lange so gut wie keine Innovation mehr aufweisen.
  3. Ich weiß nicht, ob die Kommentare auch dann witzig sind, wenn man das Video nicht gesehen hat. Aber die Kommentare sind wirklich witzig – und vermitteln mir das Gefühl, dass die Menschheit (noch) nicht verblödet ist. Prädikat lesenswert. :)

Fühlen.

So langsam erreicht das Panik-Gefühl die WhatsApp-, Facebook- und Instagram-Nutzer da draußen. Letzte Ausgabe hatte ich ja darüber berichtet, es bleiben noch drei(!) Tage Zeit bis zum Widerspruch.

Warum Meta das macht? Um einen KI-Assistenten mit möglichst hoher Qualität bereitzustellen. Aber nicht aus Nächsten-, sondern Profitliebe: "Meta ist ein Werbekonzern, er verdient sein Geld damit, unsere Aufmerksamkeit zu vermarkten und uns mit möglichst zielgenauer Kommunikation zu manipulieren. In Mark Zuckerbergs Träumen sind KI-Bots Influencer auf Steroiden." Dieses Zitat solltet ihr euch merken. Denn es löst völlig zurecht Panik aus. Also: Jetzt widersprechen!

Riechen.

Klub-WM, NationsLeague – geht's den Fußball-Interessierten (kicker.de lässt grüßen! ;) ) unter euch auch so, dass diese neuen Wettbewerbe so richtig uninteressant und irrelevant sind? Mich zumindest jucken sie nicht die Bohne. Schade eigentlich, denn damit beginnt zumindest für mich jetzt wieder die große Sommerpause. Und da macht kicker.de dann nur halb so viel Spaß. (Das ganze Gerede, wer wohin wechselt, interessiert mich nicht. Ich schau mir dann lieber am Ende einmal gebündelt die Fakten an. Spart viel Zeit. Oder wie Merz sagen würde: Ist deutlich effizienter. ;) )

Schmecken.

Hab ich schon das selbstgebackene Sauerteig-Brot meiner Frau erwähnt? Werde ich jetzt jedes Mal erwähnen, wenn mir nichts Besseres einfällt. (Spaß.)

Was du an der Stelle nicht weißt: Das Brot sieht auch optisch wirklich ansprechend aus, inkl. HÖLY-Gravur. Deutlich schöner also als die meisten Brote vom Bäcker, und das sage ich ohne Übertreibung. Bei Interesse zeige ich dir gerne mal ein Foto davon. (Wer hätte das gedacht, dass ich mal mit selbstgebackenem Brot meiner Frau in einem Newsletter angeben würde?!)

One more Sinn

Neulich bin ich über Joshua Luke Smith gestolpert. Und vielleicht bist du ja auch neugierig, dir seinen TED-Talk mit dem Titel The World Within: Healing Matters of the Heart anzuschauen. Joshua Luke Smith sieht in dem Video von 2017 aus wie heute. Oder es kommt mir nur so vor. Hörenswert sind seine Poetry-Texte allemal.
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