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Vom Ich zum Wir

iGude!

Letzte Woche Freitag habe ich die erste Newsletter-Ausgabe von Transit Times verschickt. Heute will ich sie für euch einmal – voll meta! lässt grüßen – interpretieren, reflektieren und vertiefen.

Ich sprach davon, wie wichtig es ist, sich selbst zu reflektieren – und zugleich dabei nicht stehen zu bleiben. Das Ziel sollte die Zuwendung zum Gegenüber sein – aber mit einer reifen Motivation bzw. Herzenshaltung.

Ich gehe davon aus, dass diese Botschaft die unterschiedlichsten Personen an den unterschiedlichsten Punkten ihres Lebens erreicht. Und das ist wichtig zu berücksichtigen. Denn es ist nicht egal, mit welcher Brille wir das geschriebene Wort betrachten. Wenn du dein Leben lang nicht sonderlich reflektiert hast, wirst du jetzt womöglich auch kein großes Interesse daran haben – und meine Worte bedeutungslos verhallen.

Ob jung oder alt: Wer glaubt, diesen Prozess überspringen zu können, der irrt. Oder zumindest wirst du dann nicht an den Punkt gelangen, dich anderen Menschen aus einer anderen Motivation heraus zuzuwenden. Wodurch die Zuwendung lediglich zur Hinwendung zum eigenen Ego verkommt. Und das ist gelinde gesagt schade.

Wenn ich jedoch gerade voll im Reflexionsprozess bin, Feuer und Flamme für Therapie, Seelsorge, Coaching, Meditation und sonstige Formen der Selbstoptimierung bin, stehe ich in der Gefahr, mich auch hier letztendlich lediglich um mich selbst zu kreisen. Ich bin zwar gefühlt einen Schritt weiter, und doch ohne nennenswerte Wirkung.

Versteht mich nicht falsch: Reflexion ist wichtig – unser Leben lang. Aber eben nicht als Selbstzweck oder zur Selbstoptimierung. Ich glaube: Je mehr wir über uns selbst erkennen, desto demütiger sollte uns das stimmen. Und desto ruhiger sollten wir werden – zumindest wenn wir ein Gegenüber haben, dem wir uns hinwenden können. Das ist keine Selbstverleugnung, sondern eine Hingabe, ein Bezeugen von etwas Größerem als uns selbst. Und aus dieser Quelle heraus können wir Dinge aus veränderter Herzenshaltung heraus tun.

Hier ein Beispiel aus meinem Leben: Meine vergangenen Jahre waren stark geprägt von Wüstenzeiten. Und in diesen Zeiten kann ich jammern, weinen, klagen, schimpfen – oder hart sein, die Ärmel hochkrempeln und wüten. Ich habe mich für Option C entschieden: Ich habe die Wüstenzeit akzeptiert ohne dabei zu resignieren, habe angefangen, zaghaft Vertrauen darin zu finden, dass es okay so ist, wie es ist – ohne meinen Kopf in den Sand zu stecken oder mich in sinnlose (oder auch sinnvolle) Tätigkeiten zu flüchten.

Ich habe die Zeit genutzt, um mir intensiv meine (überwiegend positive!) Kindheit anzuschauen, eine anderthalbjährige Coachingausbildung zu absolvieren, die allen voran ein Arbeiten an mir selbst war, habe in meinem Inneren genauso aufgeräumt und falsche Glaubenssätze ausgemistet wie im Äußeren (mein Büro wird langsam ordentlicher, mein Posteingang leerer und mein Desktop übersichtlicher). All das ist Ausdruck einer inneren Ruhe, eines tiefen Friedens, der mehr und mehr Einzug erhält.

Und dieser Friede ermöglicht es mir dann auch, mich mit Klarheit, Gelassenheit und Freude auf Neues einzulassen – wie diesen Newsletter –, und es nicht etwa verkrampft, verbissen oder gar verzweifelt zu tun, in der Hoffnung, Applaus und Anerkennung dafür zu ernten. Ich tue letztendlich also das gleiche, aber mit einer völlig anderen Herzenshaltung.


Wer bis hierhin aufmerksam mitgelesen hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass ich gedanklich bisher nur bei uns als Individuen war. Und das ist in meinen Augen die vielleicht noch größere Gefahr unserer heutigen Zeit: der Zeitgeist des Individualismus. Fromm gesprochen klingt das dann so: „Ich, mich, meiner, mir – Herr, segne uns alle vier.“ (Apropos fromm: Die meisten modernen Lieder in Kirchengemeinden besingen meiner Wahrnehmung nach vertikal betrachtet meine Beziehung zu Gott und Gottes Sicht auf mich – vernachlässigen aber oft die horizontale Betrachtung und Stärkung der Gemeinschaft, des Wirs.)

Die große Herausforderung ist aus meiner Sicht also, zunächst einmal ganz bewusst wahrzunehmen, wie Kultur uns prägt, formt und beeinflusst. Es ist eine Illusion zu glauben, dass das nicht der Fall sei und wir frei von äußeren Einflüssen und immun gegen Werbebotschaften seien. (Und das Gute ist: Wir brauchen keine Angst davor zu haben. Hier hilft ein reifer Umgang mit dem Gefühl Angst.)

Wir werden alle von etwas geformt und geprägt, ob wir wollen oder nicht. Umso wichtiger ist es, sich bewusst zu machen, wovon wir geformt werden, wie es uns verändert – und natürlich ultimativ, wovon wir uns eigentlich formen lassen wollen, um so zu werden, wie wir gedacht sind.

Der Individualismus fördert, formt und füttert den Egoismus, der wiederum zum Narzissmus führen kann – das chronisch kranke Kreisen um sich selbst. Dann suchen wir mit unserem Tun permanent nach Validierung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Wertschätzung.

Wenn wir also nicht in diesem Sinne achtsam sind, werden auch die Selbstreflexion, die Aufarbeitung unserer Vergangenheit und Erkundung unserer Abgründe uns nicht wirklich gesund und reif werden lassen, sondern ungeahnte unattraktive Blüten hervorbringen.

Kurz: Wir brauchen einander. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber brachte das auf den Punkt: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Und Jesus mit „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Die Hinwendung zum Gegenüber aus gesunden Motiven heraus ist aus meiner Sicht die Frucht des Bewusst- und Heilwerdens meiner selbst. Wenn wir uns als Baum vorstellen, dann können wir die Frucht – die stets für andere ist – nicht erzwingen, sondern nur zulassen. Was wir jedoch tun können, ist uns verwurzeln, tief verwurzeln.

So lade ich dich ein, über zwei Fragen einmal intensiver nachzudenken:
  1. Wenn du auf dein Leben schaust: Welche Frucht bringst du hervor?
  2. Was tust du, um dich zu verwurzeln? Welche Quellen zapfst du an, um dich formen zu lassen?
Und wenn du magst, darfst du gerne auf diese E-Mail antworten, ich freue mich von dir zu lesen!

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

PS: An dem "kurz" arbeite ich noch. ;)

Hören.

Ihr versteht nur Spanisch? Geht mir auch so. Dieses Lied habe ich durchs neue Album der O'Bros entdeckt – und gerne gehört. Wird definitiv noch eine lange Weile auf meiner Playlist bleiben.

Sehen.

Das Robotik-Unternehmen Boston Dynamics zeigt im jüngsten YouTube-Video einen Roboter, der gehen, rennen, kriechen und turnen kann. Absolut beeindruckend – und irgendwie auch scary.

Fühlen.

Aufbruchstimmung. Leichtigkeit. Freude. Das sind Gefühle, die ich schon lange nicht mehr hatte. Und weshalb ich umso dankbarer dafür bin.

Riechen.

Narzissten kann ich nicht riechen. Und ich merke, dass ich nach 10 Monaten "Der Fall Wilhelm Buntz" sehr allergisch auf Narzissten reagiere.

Schmecken.

Sanddorn-Brause. Durften meine Kinder und ich Ende vergangenen Jahres in einem der Karls Erlebnisdörfer (Erdbeerhöfe) probieren. Fazit: Nachschub ist unterwegs. :)

One more Sinn

Egal ob du gläubig bist oder nicht: Wir alle werden von etwas geformt. Dieses fünfminütige englischsprachige Video veranschaulicht das sehr schön: The six forces quietly shaping you right now.
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