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It’s the Gelingen, stupid!

iGude!

Anderthalb Wochen nach der Arbeitszeit-Debatte legte die CDU vergangenen Sonntag nochmal nach. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann bekräftigte die Position von Friedrich Merz: „Unser Wohlstand, unsere sozialen Sicherungssysteme, aber auch die Funktionsfähigkeit unseres Landes beruhen darauf, dass wir produktiv sind.“ So weit, so bekannt.

Nun habe ich vergangene Woche Kritik an dieser Haltung geübt und die damit verknüpfte Gleichung „Mehr Arbeit = mehr Wettbewerbsfähigkeit = mehr Wohlstand = mehr Lebenszufriedenheit“ in Frage gestellt.

Andere Kritiker wiesen auch darauf hin, „dass viele Frauen wegen fehlender Kinderbetreuungsangebote nur halbtags arbeiteten“. Was mich wiederum erneut nachdenklich stimmte. Denn: Die Kritik teilt ja das gleiche Ziel, nämlich das Aufrechterhalten des Wohlstands – und erweitert lediglich die aufgestellte Gleichung um ein weiteres Vorzeichen: mehr Kinderbetreuungsangebote = mehr Arbeit = mehr Wettbewerbsfähigkeit = mehr Wohlstand = mehr Lebenszufriedenheit.

In die gleiche Kerbe schlägt die neue Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), die bessere Arbeitsbedingungen für Frauen fordert. Arbeitgeber müssten die Arbeitswelt so gestalten, dass mehr Mütter in Vollzeit arbeiten könnten.

Konkrete Vorschläge der Bundesregierung bewegen sich in diesem Rahmen:
  1. Flexibilisierung der Arbeitszeit (= mehr Effizienz)
  2. Ein gestrichener Feiertag (= mehr Arbeit)
  3. Mehr Eltern raus aus der Teilzeit (= mehr Arbeit)
Hier bewegen Merz und Kritiker sich rein auf der wirtschaftlichen Ebene. Die gesellschaftliche Dimension – Ehrenamt und Care-Arbeit wie Erziehung der Kinder oder Pflege der Eltern; zudem Burn-out, Druck, Stress, Mobbing, Einsamkeit, psychische Erkrankungen etc. – wird komplett ignoriert.

Zugegeben: Ja, chinesische Produkte sind inzwischen zum Teil ähnlich gut und zugleich meist viel billiger und die Finanzierung unserer Renten- und Pflegeversicherung stellt uns vor wirklich große Herausforderungen. Das will und kann ich nicht ausblenden. Aber das ist auch nicht die (ehrliche) Debatte, die hier geführt wird (aber vielleicht werden sollte).

Die Debatte hier ähnelt für mich der des Profi-Fußballs. Dort regiert natürlich auch das Geld, und Jahr für Jahr denken sich die Fußballchefs neue Turniere aus – die zuvor erwähnten Klub-WM und NationsLeague lassen grüßen –, mit denen sie noch mehr Geld verdienen können – zulasten der Fußballer, die aufgrund der immens hohen Belastung immer häufiger und schwerer verletzt sind und dann monatelang ausfallen. Ab und an stellen sich die Trainer vor ihre Spieler und kritisieren diese Entwicklung. Da es beim Profi-Fußball den FIFA-Funktionären, Liga-Vertretern und Clubbossen aber wirklich nur ums Geld geht, verpufft diese Kritik vollkommen wirkungslos. Selbst Weltfußballer Rodri kann mit seiner Kritik daran nicht das Geringste ändern.

Die Bundesregierung jedoch ist keine FIFA und sollte daher nicht von dieser Denke getrieben sein. Bundesminister sind eigentlich Staatsdiener und Vertreter des Volkes. Und das vermisse ich in dieser Debatte … nahezu komplett.

Einer, der bei solchen Themen weiter, tiefer und grundsätzlicher bzw. ganzheitlicher zu denken scheint, ist für mich Simon Sinek. Allein die ersten 15 Minuten der Podcast-Episode mit Steven Bartlett machen das deutlich. Ein ganz anderes Mindset.

Das Gespräch beginnt mit Veränderung und Wandel (engl. Transition), passend zum Namen dieses Newsletters. Sie sprechen über KI. Dann sagt Simon Sinek einen wichtigen Satz: „Wir sind eine ergebnisbesessene Gesellschaft. Uns geht es um den Output, Leistung und Zahlen, uns geht es vor allem um das Endprodukt.“ (Minute 8)

Und das ist genau der Unterschied zwischen Erfolg und Gelingen, worauf mich Gerald Hüther vor Jahren in einem Vortrag aufmerksam machte. Erfolg ist immer messbar, Gelingen hingegen nicht. Im Englischen gibt es kein Wort für „Gelingen“, vielleicht erklärt das auch die krass kapitalistische Orientierung der USA. Und auch hierzulande nehme ich bei führenden Wirtschaftsköpfen diese Mentalität wahr. Success is everything. Alles wird gemessen, kontrolliert und in Zahlen ausgedrückt. Damit will man Erfolg sicherstellen, den die Aktionäre auch in regelmäßigen Abständen als Dividende einfordern. Im besten Fall erreicht man das Ziel, der Weg dorthin – und all diejenigen, die man auf dem Weg dorthin abhängt und verliert – ist aber egal. Der Zweck heiligt also die Mittel.

Mal abgesehen davon, dass wir in der eingangs genannten Gleichung noch nicht einmal das Ziel hinterfragen (Wohlstand ist doch super, oder? Schließlich schafft das ja Zufriedenheit oder gar Glück?), halte ich wie Simon Sinek den Weg zum Ziel für essenziell. Und jetzt wird’s tricky: Was, wenn ich den Wert des Weges und/oder des Ziels nicht quantitativ beziffern oder bemessen kann? Was, wenn es Faktoren gibt, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen? Wo bleibt bei alledem der Raum für Erziehung, Pflege und schlicht Menschsein, das man nur begrenzt in Zahlen oder monetärem Wert ausdrücken kann? Oder wie unser Leser Peter (Danke für deine E-Mail!) fragen würde: „Was nützt schneller rennen, wenn man auf den Abgrund zurennt? Was nützt länger arbeiten, wenn niemand das Arbeitsergebnis braucht?“

Passend dazu schrieb Kai Brach in seinem jüngsten Dense Discovery-Newsletter: „Wir haben eine Welt geschaffen, die auf Tabellen und Algorithmen basiert, in der jede Entscheidung durch Daten gerechtfertigt und jedes Ergebnis anhand von Effizienzkennzahlen gemessen werden muss. Das ist Technokratie in Aktion – eine Gesellschaft, die von technischen Experten geführt wird, die messbare Ergebnisse über alles stellen.“ (frei übersetzt) Na, an welchen Staatsoberhaupt erinnert dich diese Mentalität?

Kai Brach zitiert Matt Duffys Artikel mit der großartigen Überschrift „Efficiency Without Morality Is Tyranny“, der einen idealen Einspruch zu Carsten Linnemanns Zitat darstellt: „Die Technokratie sortiert Menschen in produktive und unproduktive Kategorien ein. Selbst unsere besten Sicherheitsnetze können diese Sortierung nicht rückgängig machen, denn die Technokratie bestraft nicht – sie vergisst. Sie kümmert sich nicht darum, wer man ist, sondern nur darum, was man produziert. Diese unerbittliche Klassifizierung ... beschreibt nicht nur die Realität, sie formt sie aktiv und wird zum Haupttreibstoff für den zersetzenden negativen Identitarismus, der unser soziales Gefüge zerreißt.“

Nun würde ich Friedrich Merz nicht der identitären Bewegung zuordnen. Aber ob beeinflusst durch seine Zeit bei Blackrock oder nicht: Mit seiner Forderung schlägt er genau in diese Kerbe.

Matt Duffy wiederum ruft zu einer neuen „moralischen Ernsthaftigkeit“ auf – nicht zu einer Rückkehr zu starren Orthodoxien, sondern zu etwas Nuancierterem: „Etwas, das in der Erkenntnis wurzelt, dass Menschen unvollkommen sind und dass das Projekt eines guten Lebens aus ständigem Scheitern, Vergebung und Wachstum besteht.“

Ich bin mir sicher: Stünde Duffy das Wort „Gelingen“ zu Verfügung – er hätte es hier verwendet. Und das Verrückte dabei: ein gelingendes Leben hat für mich oft Erfolg, wie das Wort schon beinhaltet, zur natürlichen Folge. Es ist die organische Frucht und nicht die künstliche Intelligenz, die wirklich nachhaltig trägt. Und da ist es mir einfach zu platt, von einer vermeintlichen Notwendigkeit zu sprechen, „wieder mehr und vor allem effizienter zu arbeiten“. Not wende dich!

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

PS: Aufgrund der Länge dieser Edition gibts diesmal keine zusätzlichen Inhalte.
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