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»Alles beginnt mit der Sehnsucht.« — Nelly Sachs
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»Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben.« — Kurt Tucholsky
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„Was hast du gesagt?“ Meine Tochter schaut mich fragend an. „Möchtest du ein Glas Wasser?“, brülle ich sie zum dritten Mal – inzwischen lautstark – an. Der Lärm ist ohrenbetäubend. „JA!“, brüllt sie zurück. Ich stehe auf und bahne mir einen Weg zum Wasserspender. Das Regal mit den Gläsern ist leider leer. Genervt schaue ich mich um – weit und breit sind keine Bediensteten mit neuen Gläsern in Sicht. Es hilft alles nichts – ich muss auf die andere Seite des großen Speisesaals, durch die Menschenmenge hindurch, in der Hoffnung, mir dort zwei Gläser zu ergattern. Geschickt manövriere ich durch die Menge mit ihren vollbeladenen Tellern hindurch und greife nach zwei Gläsern. Eins davon ist mit Speiseresten verziert. Igitt. Mit zwei sauberen Gläsern in der Hand sehe ich schon aus den Augenwinkeln, dass die Schlange vor dem Wasserspender elend lang ist. Also entscheide ich mich dazu, wieder zurück zum ersten Wasserspender zu gehen, der ganz in der Nähe unserer Sitzplätze ist. Beim ersten Wasserglas kommen noch irgendwelche zugesetzten Limoreste aus dem Automaten, die ich wegkippe. Mit zwei Gläsern Wasser in der Hand quetsche ich mich schließlich an einem übergewichtigen Mann vorbei an meinen Platz. Geschafft! Meine Tochter hat inzwischen fertig gegessen und will aufs Zimmer, während meine Pancakes kalt geworden sind. Na toll.
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Diese Frühstückssituation unseres Hotels ist nicht ausgedacht, sondern real erlebt, eine Woche lang. Und sie steht exemplarisch für das, worüber ich in der Edition von letzter Woche geschrieben habe: den Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Wahrnehmung (11 Kilometer oder ein Marianengraben, der dem Bewusstsein und dem Unbewusstsein liegt!).
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So war meine systemische Coachingbrille fasziniert davon, diese Diskrepanz sieben Tage lang live in einer Umgebung zu erleben, die ich ebenfalls letzte Woche bereits andeutete: im Strandurlaub. Wobei fasziniert eigentlich das falsche Wort ist, vielmehr war ich von diesem System, das so etwas hervorbringt und kräftig daran verdient, angewidert – ergo faszewidert, wie ein ehemaliger Kommilitone von mir einst so treffend textete (Danke, Josch!).
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Da wäre zunächst das Hotel. Last minute, drei Sterne, nix extra. Wir wollten an den Strand, hatten schon mal eine gute Erfahrung mit drei Sternen in der gleichen Region gemacht, der Rest war uns egal. Großer Fehler. Im Speisesaal kämpften wie eingangs geschildert die Menschen aus aller Herren Länder (allen voran Russland oder zumindest russischsprechender Menschen) um die letzten halbwegs manierlich aussehenden Obststücke, um einen Platz am Kaffeeautomaten, einen Sitzplatz am Fenster (oder überhaupt einen Sitzplatz!), drängelten sich in der Schlange für die frisch zubereiteten Pancakes vor oder gierten nach dem letzten Stück gegorener Wassermelone. Gemeinsames, ruhiges, harmonisches oder schlicht zivilisiertes Frühstücken war insbesondere bei der heftigen Lautstärke undenkbar. (Das war in dem anderen Hotel damals komplett anders.)
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Das Gerangel setzte sich anschließend beim Kampf um die schattigen Poolliegen, die spärlichen Aufzüge oder in der Lobby um einen der beiden Billardtische fort. Auf dem Balkon im fünften Stock blies einem der Zigarettenrauch der Hotelgäste einen Stock tiefer in die Nase, genauso übrigens wie am Eingang des Hotels, an den Liegen am Strand und eigentlich überall. Was den Speisesaal anbelangt, sind mir die Berge an zucker- und fetthaltigen Donuts im Gedächtnis geblieben, die auf ihren verwaisten Tellern zurückblieben und schließlich von den Bediensteten in die großen schwarzen Plastiktüten geschmissen wurden, um den Sitzplatz für die nächsten Frühstücksgäste freizuräumen. Eine gigantische Verschwendung von Lebensmitteln – und wir mittendrin. Mist. Was läuft da schief? Und vor allem: Was hat all das mit den erwähnten 11 Kilometern zu tun, von denen ich vergangene Woche schrieb?
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Als ich mich im Speisesaal umschaute, sah ich viele müde Augen. Die Leute waren fertig, ihre Gesichtszüge vom Leben gezeichnet. Sie wirkten zum Teil traurig, enttäuscht, ihre Blicke leer, ihre Körper resigniert, dem Schicksal ergeben. Andere wiederum hatten einen gierigen Blick, ausgefahrene Ellenbogen und stürzten sich wie Hyänen auf neue Häppchen, bloß nicht zu kurz kommen – jetzt komme ich! Und dann waren da noch die Stolzen, die mit aufgespritzten Lippen und viel zu dick aufgetragenem Make-up so taten als seien sie in einem 5-Sterne-Restaurant mit edelster Küche, entweder angeekelt-verächtlich die Nase rümpfend oder sich ernsthaft einbildeten, dies sei der vornehmste Ort, an dem man sein könne und alle anderen wären rüpelhaft-rücksichtslose Geisterfahrer. Die Szenerie war grotesk, der Mangel im Raum spürbar wahrzunehmen. Hier liefen fast ausschließlich kleine Kinder in den Körpern erwachsener Menschen umher. Und doch, das möchte ich diesem Ort zugutehalten, bot das Hotel auch Platz für Menschen mit Behinderung oder anderen benachteiligten Menschengruppen, die andernorts womöglich keinen Platz bekommen hätten. Im Grunde war es eben keine vorgegaukelte heile Welt, sondern ein wohl recht realistisches Abbild unserer europäischen Gesellschaft.
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Die Kinder hingen fast pausenlos am Handy, auch während des Essens, die Eltern spätestens am Pool, dessen trübes Wasser wir unseren Kindern zuliebe einmal aufsuchten, ebenso. Und die Jugendlichen swipten beim Warten auf den Einlass in den Speisesaal mit einer Geschwindigkeit durch ihre TikToks und Instagram Reels, dass mir nach zehn Sekunden fast schon schwindelig wurde. Was für eine Reizüberflutung, was für eine Flut an Dopamin, ein wahrer Rausch. Also wenn diese Stimulation mal keine Ablenkung und Flucht ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Nur wovor?
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Womit wir endlich bei den elf Kilometern wären. Es war ganz offensichtlich, dass hier viel unverarbeitetes, zu-kurz-gekommenes Verhalten herumschwirrte, und das gleich hundertfach. Das Unterbewusstsein hat oft leichtes Spiel mit uns, und das konnte man hier nur zu gut sehen. Gesundes Verhalten, höfliche Gesten oder freundliche Blicke waren da Mangelware. Am Strand sprachen die Jungs davon, welche Mädels sie letzte Nacht klar gemacht hätten, was ihr Plan für die kommende Nacht wäre und welcher Club mit welchem Motto am vielversprechendsten klang. Abends reihten sie sich dann in Scharen vor den Toren der Nachtclubs, Männlein und Weiblein Seite an Seite, vermutlich voller übersteigerter Erwartungen, unrealistischer Hoffnungen, ungestillter Sehnsüchte, verzerrter Träume und übertünchter Ängste. Nichts gegen Spaß, aber der Schmerz, der hier an allen Ecken und Enden aufblitzte, er war groß.
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Und auch bei uns, bei mir, scheint da ein Rest Schmerz vorhanden zu sein. Da wäre zunächst die legitime und vordergründige Sehnsucht nach dem Meer (meine Familie liebt Sonne, Strand und Meer!), für die es auch mehrere rationale Gründe gibt. Und die tieferliegende Sehnsucht nach Ruhe, nach einer kurzen Auszeit, nach Pause. Nach Abstand von den teils existenziellen Problemen, die uns zuletzt tagein, tagaus überhäuft hatten. Da handelt man manchmal auch irrational, lässt sich zu einem Last-Minute-Urlaub hinreißen, von dem man eigentlich vorher hätte ahnen können, dass das Angebot seine Tücken hat. Tücken, die man nicht bewusst wahrnimmt – weil man sie nicht wahrnehmen will oder kann, denn der Mangel, der Schmerz, er ist bereits zu groß.
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War der Urlaub ein Fehler? So absolut gefragt würde ich das nicht bejahen. Denn wie gesagt: Wir lieben Sonne, Strand und Meer. Und dafür waren wir da, nicht für das Hotel, die Touristen oder das Nachtleben. Und doch war es uns eine Lehre, dass wir nächstes Mal genauer hinschauen, sorgfältiger planen und bewusster entscheiden. Mit leerem Magen einkaufen gehen ist eben nie eine gute Idee. Und mit einem Loch in der Seele einen Last-Minute-Urlaub buchen womöglich auch nur sehr bedingt. Das Gute daran ist: Wir sind Menschen. Wir können daraus lernen. Und so gesehen war es eben beides: ein Fehler und eine Chance, etwas daraus zu lernen – über das System Urlaub (krank!), über andere Menschen (krank!), über uns selbst (hoffentlich am heil werden!) und über das nächste Mal (unsere Kriterienliste ist lang!). Denn eines ist sicher: Wir werden wieder an den Strand gehen. Und dann wird alles viel besser werden, da bin ich mir ganz sicher. Oder zumindest hofft der kleine Daniel in mir das. Und der große, erwachsene Daniel nimmt den kleinen Daniel an die Hand, drückt sie einmal fest und blickt mit einem Augenzwinkern der Sonne entgegen. Dabei flüstere ich ihm mit leiser Stimme zu: „Die einzige Reise, die man bereut, ist die, die man nicht macht.“ To be continued …
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Was hofft dein Kind in dir, welche unerfüllten Wünsche, Träume und Sehnsüchte trägst du in dir? Oder aus welchem Fehler hast du zuletzt gelernt? Antworte gerne auf diese E-Mail, das hier soll wie gesagt kein Monolog werden. Ich freue mich von dir zu lesen!
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Hören.
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Meeresrauschen. Wunderschön. Sehr beruhigend. Und lässt irgendwie alle Strapazen verblassen, die man auf sich genommen hat, um dort hinzukommen.
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Sehen.
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Diesen Instagram-Screenshot des Postillons (Satire!) schickte mir letzten Freitag ein Freund zu. Treffender hätte ich es nicht formulieren können.
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Fühlen.
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Das kühle Meerwasser, die kleinen Wellen, die Freiheit des riesigen Ozeans, dem all die Sorgen des einzelnen kleinen Mannes völlig egal sind. Eine Wohltat! Für mich ist im Meer schwimmen vermutlich das Schönste, das man auf der ganze Erde tun kann. Diese kurzen Momente und der Blick in die endlose Weite des Meeres sind für mich einfach unbezahlbar.
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Schmecken.
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Den Salz des Meerwassers. Ihr merkt schon: Ich mag das Meer. Sehr.
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One more Sinn
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Eine Sache hatte ich mir für den einwöchigen Urlaub gewünscht: ein Buch zu lesen. Nach fünf Tagen kam dann endlich der Moment und ich konnte die ersten fünf Kapitel lesen. Immerhin. Im Vorfeld entschied ich mich ganz bewusst für einen Roman; mein letzter liegt inzwischen schon Jahre zurück, zumal Romane ideal dafür geeignet sind, den Kopf frei zu bekommen und dem Lern- und Wissensdrang vorzubeugen. (Meine Arbeit besteht oft aus Nachdenken, kreativ sein, geistiger Arbeit eben. Und das kann auch richtig anstrengend sein.) Jetzt ist meine große Herausforderung, mir zuhause die Zeit zu nehmen, den dankbarerweise wirklich spannenden Roman auch zuende zu lesen. Wann hast du das letzte Mal einen Roman gelesen? Schreib es mir!
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