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Break. Pause.

»Bei den meisten Menschen ist die Ruhe nichts als Erstarrung
und die Bewegung nichts als Raserei.«
Epikur von Samos
iGude!

„Blickst du eher angespannt oder eher gelassen nach vorne?“, fragte ich gestern einen Transit-Times-Leser am Telefon, nachdem er mich zuvor zum Telefonat einlud. „Weder noch“, antwortete er sinngemäß. „Eher genügsam.“ Eine tolle Antwort, wie ich finde (Danke dafür, lieber Torsten!). Und genau darum soll es heute gehen.

Break. Pause. So lautete das Titelthema unserer ersten Ausgabe des Printmagazins SHIFT, das am 1. April 2015 bundesweit im Handel erhältlich war. Einerseits steht „Break“ für „Entschleunigung“, andererseits für „Zerbruch“. Beides mündet treffend in das Wort „Genügsamkeit“.

Der Genügsamkeit steht im materiellen Sinne die Gier gegenüber. Im immateriellen Sinne ist es für mich die Rastlosigkeit. Immer mehr, immer schneller, immer weiter. Alles, hier, jetzt, sofort. Generation Insta eben. Nachrichtenflut, Konsumrausch, Schnelllebigkeit. Gerüchteküche, Eilmeldungen, Push-Notifications (turn them off, stupid!). Die Taktung ist hoch, das Hamsterrad dreht sich in einem Affentempo (noch so ein Tierbild). Wir sind gehetzt, gestresst, genervt, gereizt. Die Zündschnur ist kurz, die Hand auf der Hupe hart, die Stimme laut, der Daumen schnell (doomsscrollend), der Blick hektisch, die Gedanken panisch. Autsch.

Kein Wunder, dass „Break. Pause.“ an den Bahnhofskiosken die bestverkaufte Ausgabe von SHIFT war. Das Thema landet, es klickt, es resoniert. Die Sehnsucht, sie ist groß. Nach einer Pause, einer Auszeit, nach einfach mal sein dürfen. Aber das erlauben wir uns meist nicht. Bis uns eine Krankheit oder andere Unglücke dazu zwingen oder zumindest lautstark einladen. So weit, so schlecht.

Was wir wollen und was wir tun – es passt nicht zusammen. Warum eigentlich? Wir wollen Entschleunigung und hecheln doch tagein, tagaus von News zu Chat, von Push zu Pull, von Post zu Tweet, von Voice zu Call, von Meeting zu Appointment. You get it. Ist es so wie Paulus sagt: „Ich will eigentlich Gutes tun und tue doch das Schlechte; ich verabscheue das Böse, aber ich tue es dennoch“? (Spoiler Alert: Ja, so ist es.)

Das Ding ist: Vermutlich wollen wir eben Entschleunigung, sind aber nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Wir wollen nämlich in Wahrheit etwas anderes mehr. (Nur was? Schreibt mir gerne!) Leser der ersten Stunde erinnern sich vielleicht: Darüber hatte ich in der allerersten Edition von Transit Times geschrieben:

Vor einigen Jahren habe ich schon einmal einen Newsletter gestartet, unter dem Namen „weiter“. Weiterdenken, weiterfühlen, weiterkommen – das wollen wir doch irgendwie alle, oder? Nur sind wir oft nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Den Preis etwa, in den Schmerz hineinzugehen, der uns zurückhält, oder den Preis, durch das Tal hindurchzugehen, das uns Angst bereitet oder schlicht die Anstrengung, neue gesunde Gewohnheiten im Alltag zu etablieren.

Also flüchten wir in die vermeintlich großen Themen der Welt: Politik oder Wirtschaft für die Rationalen (die sich dabei emotional zutiefst aufregen oder besorgen – Stichwort „Kampf“) und YouTube und Netflix für die Emotionalen (Stichwort „Flucht“). Und damit wir uns dabei nicht so einsam fühlen, sind wir noch bei X (Kampf!) oder Instagram (Flucht!) und gut ist.

Wer nun den Willen bekundet, aus dem Hamsterrad auszusteigen: herzlichen Glückwunsch. Aber das ist leichter gesagt als getan. Und: Genügsamkeit ist nicht passiv. Es braucht also eine Eigenverantwortung. Stellt sich die Frage, wie Verantwortung praktisch gelebt wird (Ideen? Anyone? Schreibt mir!). Hier mal meine Top-3-Ansätze in Puncto Genügsamkeit:
  • Deaktiviere die Push-Notifications auf deinem Smartphone. Lass dir nicht von anderen diktieren, wann du etwas liest, siehst oder hörst.
  • Halte dein Smartphone von deinem Schlafzimmer fern. Zugegeben: Gelingt mir auch nicht immer, aber immer öfter. Ist wichtig.
  • Meide die (A)Sozialen Medien. Sie sind Gift für deine Seele. Deinstalliere die Apps, lösche deine Accounts, wenn es anders nicht geht. Es wird dir guttun.
Ihr merkt: Sie haben allesamt mit Smartphones und Screens zu tun. Und die tun uns nicht gut. Klingt paradox, weil ihr diese Zeilen höchstwahrscheinlich gerade auf euren Smartphone-Screens lest, ist aber so. Ein paar Nerd-Tipps für alle, die das bereits befolgen:
  • Stellt in euren Messengern die Einstellung für „Nachrichten gesehen“ aus. Zwar könnt ihr dann nicht mehr sehen, ob andere eure Nachrichten bereits gesehen haben, aber das macht auch nichts (umgekehrt macht es oft etwas mit uns: Warum hat er oder sie noch nicht geantwortet? …). Weniger ist manchmal eben mehr, auch hier.
  • Installiert in eurem Desktop-Browser Add-ons wie „Unhook - Remove YouTube Recommended & Shorts“. Damit sieht YouTube.com bei euch vor allem weiß, leer und übersichtlich aus. (Pro-Tipp: Meidet am besten YouTube – so weit bin ich noch nicht.)
  • Deaktiviert auf eurem Smartphone in der YouTube-App den Wiedergabeverlauf. Dadurch ist die Startseite clean, ähnlich wie mit dem zuvor erwähnten Desktop-Add-on. (Seit YouTube die „Trends“ eingestellt hat, schaue ich somit noch weniger Videos bzw. fast nur abonnierte Kanäle wie die Real Life Guys.)
  • Meidet Reels, Stories, Shorts. Sie zerstören schleichend euer Gehirn. (Fragt Google oder ChatGPT, wenn ihr mir nicht glaubt.)
Kurzum: Je stärker ihr das Digitale, das Internet, die Screens aus eurem Leben eliminiert, desto genügsamer werdet ihr sein. Und auch die FOMO wird nachlassen, bei mir war das zumindest so.

Enden möchte ich mit dem letzten Teil meines Artikels „Die Busyness-Falle“ aus der erwähnten SHIFT-Ausgabe von 2015:

Bitte versteht mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, euch das Internet auszureden. Es geht mir auch nicht darum, es schlechtzureden. Ich halte es nach wie vor für eine großartige Möglichkeit, Gutes zu tun – nur leider machen wir viel zu wenig daraus. Der Konsum regiert und wir schwimmen mit auf der Banalitätenwelle, von Shitstorm zu Shitstorm, von Skandal zu Skandal, von Eilmeldung zu Eilmeldung. Und was bleibt am Ende?

Break. Pause.

Das Leben ist wie ein Film, bei dem jemand auf Play gedrückt hat und es keine Pause-Taste gibt. Es gibt keine Vor- oder Zurückspul-Funktion, keine Stopp- oder Stumm-Möglichkeit, keine Unterbrechung, keine Zeitlupen-Wiederholung, keine Spoiler. Wie lange unser Film dauern wird, kann niemand vorhersagen. Manchmal endet er abrupt und wird so zur Tragödie, manchmal zaubert das Ende im hohen Alter einem ein friedliches Lächeln ins Gesicht. Wie würde dein Film aussehen? Ein Mensch, der sein Leben vor dem Fernseher, Laptop oder Smartphone verbringt? Ein Mensch, der einsam Smileys schreibt statt mit anderen Freunden zu lachen? Ein Mensch, der täglich schlaftrunken zur Arbeit fährt, sich acht Stunden lang am Computer mit E-Mails quält und sich zuhause auf der Couch fragt, was er eigentlich den ganzen Tag lang gemacht hat?

Viele Filme sind wohl dem Genre „Drama“ zuzuordnen – nur dass die Dramatik sich überwiegend in unserem Inneren abspielt und der Film daher nur langweilig anzuschauen wäre.

Ich hoffe, dass du, lieber Leser, spätestens jetzt heftig protestierst und dein Leben keine solch trostlose Handlung beinhaltet. Denn wenn der Film eines Tages vorbei ist oder wir nicht mehr können wie wir wollen, dann ist es zu spät. Und das wäre doch furchtbar schade, wenn wir das Beste in unserem Leben verpasst und nichts aus den zahlreichen Möglichkeiten gemacht hätten, oder?

Wir haben zwar keine Pause-Taste, aber im Grunde ist das auch gut so. Das zwingt uns Fehler zu machen, die andere zum Lachen und uns weiter bringen. Es bringt uns dazu, dass wir andere um Entschuldigung bitten. Dass wir ungeplant mutig sind. Spontan entscheiden. Einander vergeben. Lernen. Hoffen. Glauben. Freuen. Zweifeln. Staunen. Uns wundern. Echt sind. Genießen. Entdecken. Miteinander leben. Uns verlieben. Einander lieben. Leben.

Ich hoffe, diese Ausgabe regt dich zum Nachdenken an, fordert dich in deinem Umgang mit dem Netz heraus und motiviert dich, deine Zeit – die wertvollste Ressource, die wir haben – sinnvoll zu nutzen. Mach das Beste aus deinem Leben, denn du lebst nur einmal. Unser Leben ist echt, Echtzeit.

In diesem Sinne: YOLO!

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

PS: Wer die Ausgabe noch nicht hat und nun neugierig ist: An die ersten drei Leser dieses Newsletters, die mir ihre Postadresse schreiben, verschicke ich kostenfrei jeweils ein Exemplar von SHIFT Vol. 1 — Break. Pause.
»Früher brachte der Lärm die Menschen aus der Ruhe.
Heutzutage ist es die Stille.«
Ernst Ferstl

Die fünf Sinne.

Passend zu den fünf Sinnen diesmal eine Seite aus SHIFT Vol. 1. Da kommen richtige Retrovibes auf, yeah. :)

One more Sinn

Apropos Retrovibes: Letzte Woche war bei uns in Rheinbach Flohmarkt und wir haben für die Kinder ein paar alte TKKG-Kassetten gekauft. Zuhause kam dann der große Moment: Kassette in den Kassettenrecorder eingelegt und auf Play gedrückt – und los drehte sich das Band. Die altbekannte TKKG(die Profis in spe)-Musik ertönte und unsere Kids lauschten gespannt der alten Folge. Herrlich! (Und Entschleunigung pur!)

Und während die alten Folgen bei Spotify und Co. mit einem Warnhinweis versehen sind, sind sie so ganz nebenbei inhaltlich frei von Smartphones, die die neuen Folgen stark dominieren (verderben!). Ich bin mir sicher: In 20 Jahren wird man einen Warnhinweis vor alle neuen TKKG-Folgen stellen müssen: Achtung, hier wurde unseren Kindern noch völlig unbedacht das Smartphone schmackhaft gemacht.
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