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Zwischen Wahrnehmen
und Falsch(an)nehmen

»The difference between reality and the legacy media is insane!«
— Elon Musk

»A free and widely read press is the cornerstone of democracy «
Aram Sinnreich
iGude!

Und wieder einmal diskriminieren die journalistischen Medien Ausländer. Wieder einmal wurde nicht die Herkunft der Täterin genannt, die … was genau machte? Richtig, die Deutschlands jüngste Abiturientin wurde.

Die Rede ist von der elfjährigen Lina Heider aus Bonn, die angeblich aus Afghanistan stammen solle. So zumindest wurde es in den sozialen Medien behauptet. Und dass die journalistischen Medien das verschwiegen hätten, sei rassistisch.

Bist du auch verwirrt? Dann wollen wir mal. Also: Der Islam-Influencer Tarek Baé postete am 6. Juli auf Instagram: „Ihre Eltern flüchteten aus Afghanistan nach Deutschland. Das erwähnt kein Medium.“ Seine Wahrnehmung: Journalistische Medien nennen bei Tatverdächtigen eher die Herkunft, wenn diese Ausländer sind. Viele Afghanen fühlen sich anscheinend diskriminiert. Daher war Tarek darüber empört, dass umgekehrt in einem positiven Fall (Abi mit 11!) die Herkunft verschwiegen wurde. Verständlich – aber falsch.

Denn: Weder Lina Heider noch ihre Eltern stammen aus Afghanistan. Das hat inzwischen auch der Influencer eingeräumt und nachgeschoben: „Korrektur: Die Eltern sind nicht aus Afghanistan geflüchtet. Ich habe mich bei der Familie für die Weiterverbreitung entschuldigt.“ Doof nur, dass solche Richtigstellungen sich meist wesentlich schlechter verbreiten als der emotionale Erstaufschlag.

Nun ist dieser Vorfall in mehrfacher Hinsicht relevant: Zum einen unterstreicht er, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmungen sind. Während ich in meinem Journalismus-Studium noch lernte, warum es bei allem Für und Wider unterm Strich so wichtig ist, die Herkunft bei Tatverdächtigen nicht zu nennen (eben genau deshalb: um Rassismus und verallgemeinernden Generalverdacht einer Bevölkerungsgruppe zu vermeiden), und genau das in meiner Wahrnehmung die etablierten Medien auch weitestgehend so handhaben, sieht das Tarek ganz anders.

Das erzeugte zunächst auch eine Verwirrung in meinem Kopf. Warum wäre es rassistisch, die Herkunft einer elfjährigen Abiturientin zu verschweigen? Inzwischen habe ich es verstanden. (Und dennoch mutet es absurd an, wenn jemand auf Instagram kommentiert: „Weil die deutschen Medien vor Neid platzen, wenn sie erfahren, dass ein Ausländer besser ist als die.“)

Zum anderen zeigt es die Schattenseiten von Social Media auf. Influencer haben sehr viel Macht – und können damit einen großen Schaden anrichten (das bekomme ich selbst gerade in abgespeckter Form knallhart zu spüren, aber das ist ein anderes Thema). Was denkt ihr, was Lina Heider sich in den vergangenen Tagen alles anhören musste? Ihre Familie erklärte gegenüber ZDFheute: Lina sei in Deutschland geboren, auch die Eltern kommen nicht aus Afghanistan, die Familie habe keinen Fluchthintergrund. Man bittet darum, die Privatsphäre der Familie zu respektieren und wolle derzeit keine weiteren Stellungnahmen abgeben.

Gibt es noch eine Ebene darüber? Ich meine: ja. Influencer und alternative Medien (YouTuber, Blogger etc.) dominieren zunehmend die Meinungsbildung, während etablierte Medien immer mehr an Reichweite und Abonnenten verlieren. Es ist also gewissermaßen auch ein Kampf der Medien um Aufmerksamkeit und Deutungshoheit sowie, falls Teil des Geschäftsmodells, um Abonnenten. So verwundert es nicht, dass das ZDF in einem Artikel (in Textform, obwohl der Auftrag eigentlich für Bewegtbild galt, damals, als es noch kein Internet gab – auch so eine spannende Debatte) das Thema Fake News durch Influencer aufgreift – auch dann, wenn es sich um einen Muslim handelt, der hier nicht gut wegkommt.

Und wenn man etwas genauer hinschaut, sieht man: Tarek Baé versteht sich selbst als Journalist und Autor, hat in seinem Profil bei Instagram „Unbequemer Journalismus“ stehen. ZDF publizierte bereits Anfang 2024 einen Artikel über ihn mit der Überschrift „Influencer gegen Israel: Tarek Baé und sein islamistisches Netzwerk“. Darin schreibt das ZDF: „Doch seit Jahren unterhält Baé Verbindungen zu islamistischen und türkisch-rechtsextremen Gruppierungen.“ Tarek selbst widerspricht dem mit der Überschrift „Wie das ZDF einen Journalisten diskreditieren wollte und er schneller war“. Wer hat nun recht, was ist wahr? Welcome to the rabbit hole (um das es hier nicht weiter gehen soll). Fakt ist: Das ZDF und Tarek scheinen sich nicht zu mögen – was stellvertretend für viele etablierte Medien und Influencer stehen dürfte.

Nochmal zurück zur Wahrnehmung: In der Corona-Pandemie ließen sich wohl auch muslimische Bevölkerungsgruppen in Deutschland nur zögerlich impfen. Diese Zurückhaltung wurde von etablierten Medien lange Zeit nicht aufgegriffen. Umso erstaunter war ich, als die Tagesschau dann doch einen Artikel dazu publizierte. Darin hieß es dann auch, und hier zitiere ich aus dem Gedächtnis, dass unter Muslimen die Verschwörungstheorie grassiere, der Impfstoff könne Anteile vom Schwein enthalten, also nicht halal sein. (Leider konnte ich den Artikel nicht mehr auffinden.)

Ich realisierte damals, dass nicht nur unter Kartoffeldeutschen zum Teil wilde, zum Teil zutreffende Verschwörungstheorien die Runde machten, sondern auch zeitgleich mit ganz anderen, sagen wir „kontextualisierten“ Verschwörungstheorien weitere Gruppierungen verunsichert oder aufgehetzt wurden. Jeder bekommt eben das, was er …

Wo wir bei Verschwörungstheorien wären. Das Problem ist nicht in erster Linie, dass es sie gibt – sondern
  1. warum es sie gibt (Unter anderem: Soziale Netzwerke bzw. die Technologie-Plattformen begünstigen sie enorm!),
  2. welche Wirkung sie haben (sie schüren Hass und Angst und spalten damit die Gesellschaft) und
  3. dass manche von ihnen (nicht) stimmen (was sich oft nicht oder nur schwierig belegen lässt).
Für Letzteres habe ich zwei Beispiele im Gepäck: Joe Biden und Brigitte Macron. Joe Biden wurde von ausnahmslos allen etablierten Medien und demokratischen Politikern rund um Kamala Harris stets als topfit erklärt. Alternative Medien hatten da schon vor der öffentlichen Fernsehdebatte mit Herausforderer Donald Trump immer wieder Zweifel angemeldet. Bis heute ist mir schleierhaft, wie Biden, Harris und etablierte (hier: linke) Medien damit so lange durchkommen konnten. Fakt ist: Es war ein gigantisches Medienversagen, das den rechten und republikanischen Gruppen einen Bärendienst erwiesen hat. Völlig zurecht, aber auch völlig verheerend haben sie damit das Vertrauen in Institutionen wie die New York Times nachhaltig zerstört. Und falls ihr es noch nicht wusstet: Journalismus gilt als Vertrauensgut. Wenn wir Journalisten also unser höchstes Gut verlieren, verlieren wir als Institutionen unseren Kernwert.

Bei Brigitte Macron hingegen ist noch nicht klar, was wahr ist und was nicht. Da wir hier von der Frau des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron sprechen, ist hier durchaus eine hohe Relevanz gegeben. Ich werde jetzt aber nicht näher darauf eingehen.

Fakt ist: Das Vertrauen in etablierte Medien schwindet. Mal zu recht, mal möglicherweise auch zu unrecht. Was übrig bleibt, sind kleinere Splittergruppen, die bewusst oder unbewusst mit dem Adressieren unserer Empfindungen Hass und Angst ihr Geld verdienen, während die großen Technologie-Plattformen kräftig (am meisten) daran mitverdienen.

Aufgrund der Länge dieser Edition vertage ich (m)einen Ausblick auf eine spätere Edition. Nur so viel: Der Ausblick ist alles andere als rosig. Und es scheint zunehmend weniger (gut ausgebildete) Journalisten mit Integrität, Courage, Anstand und Rückgrat zu geben. Oder vielleicht ist es auch nur meine Wahrnehmung, die mich hier trübt. Wollen wir es hoffen.

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

Hören.

Passend zur Videoempfehlung unten gibt's hier einen noch recht jungen Trend in der Musik, der maximal echt und authentisch rüberkommt (und wohl auch Justin Bieber inspiriert haben soll). Kein Wunder, bei so viel Fake und generisch-glattgespültem Einheitsbrei. Also, sollten die beiden Künstler Mk.gee (98.000 Abonnenten auf YouTube, unbedingt auch Alesis (Live) anhören!) und Dijon (84.000 Abonnenten) mal richtig große Künstler werden, dann habt ihr es vermutlich zuerst hier bei Transit Times erfahren. ;)

Sehen.

Dieses elfminütige Video des US-amerikanischen Musikers, Songwriters, Tontechnikers, Plattenproduzenten und YouTuber Rick Beato hat es in sich. Für alle Musiker ein Muss im Sinne von Mahnung und Ermutigung zugleich. Und hätte ich oben nicht schon so viel geschrieben, hätte ich noch einige weitere Gedanken dazu angeführt. Bei Interesse (gerne melden!) hole ich das in den nächsten Wochen noch nach. Ist ja nicht so als ob das KI-Thema an Relevanz verlieren würde. Ganz. im. Gegenteil.

Fühlen.

Trauer und Angst. Das mit dem Umzug wird langsam echt zu einer Zerreisprobe. Immerhin sind die Pflastersteine der aktuellen Hofeinfahrt nach 21 Stunden Arbeit jetzt tiptop gekärchert. Weil der aktuelle Vermieter es so wollte. To be continued.

Riechen.

Wusstet ihr, dass unsere unbewusste Wahrnehmung allein beim Geruch eine Bandbreite von 100.000 Info-Bits pro Sekunde beinhaltet? Bewusst hingegen können wir nur einen Geruch wahrnehmen. Die Diskrepanz ist erstaunlich. To be continued.

Schmecken.

Letztes Mal bekam ich eine Zuschrift (Danke!) zum Thema Riechen. In dem zugesandten Editorial ging es um Senf vs. Mayo. Hat für mich eher etwas mit "Schmecken" zu tun, und als großer Senf-Liebhaber steht für mich außer Frage, wer der Gewinner ist. Beim nächsten Mal werde ich dann ganz bewusst an meinem Senf riechen. To be continued.

One more Sinn

Ihr findet die oben verlinkte Musik verstörend oder sehnt euch nach einer sinnvollen Botschaft? Dann sei euch Jon Guerra empfohlen. Sein Lied "I See the Birds" (Seelenmassage!) lief bei mir im Gegensatz zu Mk.gee (Faszination!) auf Repeat.
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