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Schrecklich beschäftigt

»Eile ist der größte Feind des spirituellen Lebens in unserer Zeit. Du musst Eile rücksichtslos aus deinem Leben verbannen.«
— Dallas Willards Antwort auf John Ortbergs Frage: „Was muss ich tun, um der Mensch zu werden, der ich sein möchte?“
iGude!

„Ach, ich bin ja ganz allein.“ Mit traurigen Augen schaut sie dort, am Fenster im ersten Stock stehend, gedankenverloren in die Ferne. Sie, eine ältere Dame, an Krebs erkrankt, halb dement und auf einen Platz im Pflegeheim wartend. Und wir, meine Frau Debora und ich, vor ihrem Haus stehend, die Hälse nach hinten gereckt, um uns mit ihr zu unterhalten.

„Herr Höly, da ist die Frau Pear (Name geändert), die ist totkrank und will bald ausziehen. Sprechen Sie mal mit ihr“, sagte mir wenige Stunden zuvor mein Nachbar. Im Sommer wurde er 90 Jahre alt. Und nun sitze ich dort auf seiner Veranda; er, wie man ihn kennt, mit Pfeife im Mund, roten Bäckchen und einer Schiebermütze. Aber heute ohne sein gewohnt verschmitztes Lächeln im Gesicht. Er spürt, dass die Lage ernst ist. Seine Frau tritt hinzu. Unsere Wohnsituation ist ihnen wohlbekannt. „Zum 1. November müssen wir raus“, sage ich ihm. Er erzählt mir von Frau Pear. Dass sie bereits zwei Männer und ihre Kinder verloren hat. Und so manches mehr. Sie hatte definitiv kein leichtes Leben. Und nun Krebs.

Schweren Herzens gehen meine Frau und ich also zu Frau Pear, die ebenfalls in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wohnt und ich bislang beim Vorbeilaufen, wenn überhaupt, nur flüchtig aus den Augenwinkeln wahrgenommen habe. Oft zu Gesicht bekommt man sie ohnehin nicht mehr, die meiste Zeit hält sie sich in ihrem Haus auf, ihr Gang ist schwerfällig, ihr Rücken krumm, ihre Bewegungen langsam.

Doch jetzt steht sie, an den Fensterrahmen ihres ersten Stocks gelehnt, und schaut beim Sprechen in die Ferne. „Wissen Sie, ich war eine Briefträgerin“, erzählt sie mit leiser, schwacher Stimme von sich. „An manchen Tagen kann ich nicht einmal meinen eigenen Namen schreiben.“ Ihre Schwester könne sich nicht um sie kümmern, da sie selbst einen demenzerkrankten Mann zu pflegen habe. So bleibt sie allein zurück, heillos überfordert von den Anmeldeformularen fürs Pflegeheim. „Nächste Woche Dienstag kommt mein Arzt, und der wird mir dann dabei helfen.“

Schon nach den ersten Minuten wird uns sofort klar: Frau Pear ist nicht die Rettung für unsere Wohnsituation – sondern braucht selbst dringend Hilfe. Als wir ihr unsere Hilfe anbieten, schaut sie uns an und sagt: „Das ist nett. Ich werde dann einen Transporter mieten und vielleicht können Sie den fahren und ein paar Möbelstücke mit ins Heim bringen.“ Die Traurigkeit in ihrer Stimme zerreißt mir das Herz, ich bin kurz davor, loszuheulen.

Nur Stunden zuvor hätte ich ebenfalls fast geweint, als mein Nachbar mir zum Abschied sagte: „Herr Höly, Sie sehen nicht gut aus. Passen Sie auf sich auf!“ Da steckte so viel Aufmerksamkeit und Anteilnahme drin, das traf mich mit voller Wucht. Seine Frau zog sich kurz zuvor betroffen zurück. Sie konnte unsere schwierige Wohnsituation nicht aushalten.

Das musst du dir mal vorstellen: Ich, ein 39-jähriger junger Mann, bekommt Mitgefühl von einem 90-jährigen Nachbarn entgegengebracht, der viel Zeit mit Arztbesuchen verbringt und an seinem 90. Geburtstag vor lauter Hitze und Trubel ohnmächtig wurde, kurzzeitig tot war und reanimiert werden musste. (Debora und ich saßen in dem Moment nur wenige Meter entfernt und schauten ihn an, als er plötzlich seine Augen verdrehte und zu Boden sackte. Das Brötchen mit der Schweinshaxe blieb mir fast im Hals stecken.)

Seitdem geht mir die Begegnung mit Frau Pear vom vergangenen Sonntag nicht mehr aus dem Kopf. Die vergangene Woche haben wir weiter im Haus gepackt, renoviert und uns erfolglos beim Amtsgericht und dem Betreuer für eine Beschleunigung des Umzugs eingesetzt. Emotional war keine Kapazität, um uns noch groß um andere zu kümmern. Und genau das kotzt mich an. Und zwar richtig hart.

Warum sind wir nur so eine schrecklich beschäftigte Gesellschaft, in der wir keine Zeit mehr füreinander haben? In der ich mir Trost bei einem 90-jährigen Nachbarn holen muss, während eine ähnlich alte Nachbarin totsterbenskrank Tag für Tag allein in ihren vier Wänden verbringt und niemanden hat, der sich um sie kümmert. WTF?

Letzte Woche Samstag besuchte uns ein Freund, der mir dabei half, die Paletten vom Baumhaus unserer Kinder zur Entsorgungsanlage zu bringen (Danke, Benni!). Dabei sagte er mir, dass 1LIVE – der Jugendradiosender des WDR – in dieser Woche das Thema „Einsamkeit“ behandle. Anscheinend ist das auch bei jungen Leuten zunehmend ein Thema. Grausam.

Eli Sharabi, der 491 Tage lang von der Hamas in Geiselhaft gefangen war, sagte im Podcast Honestly mit Bari Weiss etwas sehr Wesentliches: Wenn du da unten in den Tunneln gefangen bist, wo du in Dunkelheit mit Maden, Würmern und Ratten haust, dann realisierst du, was wirklich wichtig ist: Beziehungen. Familie und Freunde. Und wir? Wir haben keine Zeit, aber dafür schrecklich viele Termine.

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

Hören.

Passend zum Thema dieser Edition beginnt der US-Musiker Stephen Stanley (für mich jetzt schon ganz klar die musikalische Entdeckung des Jahres!) sein neuestes Lied mit der Zeile "I've been wasting time". Beim ersten Hören klickte das Lied nicht direkt bei mir, dafür beim zweiten Mal. Und seitdem läuft es seit Tagen auf Repeat und begleitet mich ideal beim Kisten packen.

Hören, die Zweite.

Diesmal gibt's ausnahmsweise eine zweite Hörempfehlung, und das ist die oben erwähnte Podcast-Episode mit Eli Sharabi. Wie jemand 491 Tage in Gefangenschaft überlebt? Hört selbst.

Fühlen.

Microsoft hat den Support für Windows 10 eingestellt. Heißt: Gut funktionierende Computer und Notebooks werden ab sofort (schwerwiegende) Sicherheitslücken haben und leichte Beute für Hackerangriffe werden. Diese Gier der großen Konzerne erfüllt mich mit Ekel.

Immerhin gibt es inzwischen (nach Druck der EU sogar kostenlos!) die Möglichkeit, die Sicherheitsupdates um ein Jahr zu verlängern. Leider muss man dafür beim Betriebssystem mit einem Microsoftkonto eingeloggt sein. Grr. Und der Link für die Updates ist recht gut versteckt.

Falls es dich auch betrifft, dann suche auf dieser Seite nach "Erweitere Sicherheitsupdates erhalten" und klicke darauf. Dann öffnet sich ein neues Fenster und zack kannst du die Updatezeit um ein Jahr verlängern. #bitteschön #gerngeschehen

Riechen.

Ob Geruch oder Gefühl: Die letzten Wochen hatte ich immer wieder Tage, an denen ich überzeugt war: Da liegt doch was in der Luft. Heute ist der Tag, an dem wir endlich die langersehnte Zusage für unser neues Zuhause bekommen. Doch eins ums andere mal wurde ich enttäuscht und die erhoffte Antwort blieb aus.

Inzwischen übe ich mich auch hier im Loslassen und bin dabei, einmal mehr mein Okay zu finden, dass es nicht okay ist.

Und ich beginne allmählich zu begreifen, dass mir dadurch andere Dinge über mich, Gott und die Welt bewusst werden (und in mir zu verändern), die mir ansonsten nie aufgefallen wären.

Schmecken.

Neulich habe ich erwähnt, dass zum Frühstück nichts über das Bananenbrot von Debora geht. Dann musste ich an die Franzbrötchen denken. Seitdem schwanke ich zwischen Franzbrötchen und Bananenbrot. Beides übelst lecker. Was isst du am liebsten zum Frühstück?

One more Sinn

„Eine der großen Tragödien des modernen Lebens ist das rasante Tempo, in dem wir leben müssen. Fast jeder Mann, den ich treffe, hat einen vollgepackten Terminkalender, in dem jeder noch so kleine Zeitabschnitt mit Aufgaben gefüllt ist. Unsere Stunden sind wie die Steine der Klagemauer; selbst die kleinste Lücke ist mit Gebeten für mehr Produktivität gefüllt“, schreibt der von mir sehr geschätzte Jon Tyson in seinem Newsletter für Männer und Väter (die ganze Ausgabe ist heftigst lesenswert!). Und trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Mein Kalender hingegen ist aktuell nahezu vollständig leergefegt. Aber das ist nicht freiwillig geschehen, sondern erzwungenermaßen. Ich bin also nicht stolz drauf – und mir ist bewusst, dass es in Kürze auch negative Auswirkung auf meine Selbstständigkeit haben wird. Und doch versuche ich gerade, mich in dieser mir unbekannten und unangenehmen Situation umzuschauen und aus ihr zu lernen. Nur was? Jon Tyson bietet Folgendes an:

„Ich möchte nicht so sehr durch Termine, Pläne und Produktivität bestimmt sein, dass ich keinen Raum mehr habe für die göttlichen Unterbrechungen, die Gott in mein Leben bringen möchte. Wenn wir nicht aufpassen, besteht die sehr reale Gefahr, dass genau das passiert. (…) Ich möchte ein unterbrechbarer Mensch sein.“

In diesem Sinne: Vielleicht willst auch du dich in der kommenden Woche darauf einlassen, unterbrochen zu werden? Denn möglicherweise ist die Unterbrechung gewollt? Ich jedenfalls hätte ansonsten nie diese kostbare Erfahrung mit meinem 90-Jährigen Nachbarn auf seiner Veranda gemacht – und nie von unserer Nachbarin erfahren, die mich zu Tränen gerührt hat. Und du kannst dir sicher sein, dass ich sie schon sehr bald wieder besuchen werde – und es mir eine Ehre wäre, für sie den Transporter zu ihrer letzten irdischen Wohnstätte fahren zu dürfen.

Augen|klick

Der Herbst ist da. Und während ich von unserem potenziell zukünftigen Haus zurück zum aktuellen Haus laufe, sehe ich diese Straße, die normalerweise nicht sonderlich schön ist. But the leaves do their magic. Schick, isn't it? #nofilter
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