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Gemeinsam einsam

iGude!

Vor einigen Jahren habe ich schon einmal einen Newsletter gestartet, unter dem Namen „weiter“. Weiterdenken, weiterfühlen, weiterkommen – das wollen wir doch irgendwie alle, oder? Nur sind wir oft nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Den Preis etwa, in den Schmerz hineinzugehen, der uns zurückhält, oder den Preis, durch das Tal hindurchzugehen, das uns Angst bereitet oder schlicht die Anstrengung, neue gesunde Gewohnheiten im Alltag zu etablieren.

Also flüchten wir in die vermeintlich großen Themen der Welt: Politik oder Wirtschaft für die Rationalen (die sich dabei emotional zutiefst aufregen oder besorgen – Stichwort „Kampf“) und YouTube und Netflix für die Emotionalen (Stichwort „Flucht“). Und damit wir uns dabei nicht so einsam fühlen, sind wir noch bei X (Kampf!) oder Instagram (Flucht!) und gut ist.

Weit gefehlt. Spätestens nach meiner anderthalbjährigen Coachingausbildung weiß ich, wie wichtig es ist, den Schmerz nicht zu vermeiden und wie befreiend und heilsam es ist, die Angst vor dem Tal zu verlieren. Oder auch mit der Angst gemeinsam hindurchzugehen.

Doch auch hier lauert eine Gefahr auf uns, und darum geht es mir heute: nämlich die Gefahr, uns in der Erkundung unseres Selbst zu verlieren. Oft merken wir gar nicht, dass wir uns im Grunde nur noch um uns selbst drehen.

Diese Erkenntnis trug ich schon länger mit mir herum, konnte sie aber nicht in Worte fassen – bis ich auf einen Artikel der US-Amerikanerin Elle Griffin stieß, in dem sie das prima auf den Punkt bringt:

Es gibt den Irrglauben, dass Selbstentfaltung uns zu besseren Menschen macht. Aber wenn wir bessere Menschen sein wollen, müssen wir uns auf andere konzentrieren, nicht auf uns selbst. Irgendwann wurde mir das klar und ich änderte den Kurs. Anstatt zu fragen, was ich brauche, fragte ich, was meine Gemeinschaft braucht.

Es klingt so banal, und doch ist es so entscheidend. In der Erziehung beispielsweise bin ich ein großer Fan der bindungsorientierten Erziehung (nicht zu verwechseln mit der oberflächlichen Anwendung einer bedürfnisorientierten Erziehung). Und auch hier ist die Grundlage zunächst einmal die Bindung zu uns selbst (mehr dazu im Podcast voll meta!). Aber natürlich geht es hier nicht um uns selbst (als Selbstzweck), sondern um den anderen – oder vielmehr um die Verbindung zu meinen Kindern, zu meinem Gegenüber.

Letztendlich geht es hierbei weder um mich noch um den anderen. Das ist ja gerade das Entscheidende. Es geht um das Zusammenspiel, um die wechselseitige Abhängigkeit, die Interdependenz.

Und ja, natürlich ist Selbstentfaltung nicht gleich Selbst(er)kenntnis und auch der Dienst an der Gemeinschaft kann eine Form von Flucht sein.

Es kommt also auf die Motivation an, mit der wir handeln – und auf die richtige Reihenfolge. Auch Elle Griffin musste erst einmal innerlich heil werden, bevor sie den Fokus wieder auf andere lenken konnte. Dabei erkannte sie:

Die übermäßige Selbstentfaltung kann eine Welt egoistischer Individuen schaffen (…). Ich bin gegen den ständigen Prozess der Selbstverbesserung auf Kosten der Verbesserung der Gemeinschaft. Ich bin dagegen, mich an zu viel Theorie und zu wenig Aktion zu beteiligen. Wir können uns darauf konzentrieren, liebevoller, einfühlsamer und mitfühlender zu sein, so viel wir wollen, aber wir werden nichts von alledem sein, wenn wir nicht etwas tun, um unseren Familien, unseren nahen Gemeinschaften und sogar der Welt im Allgemeinen zu helfen.

Bestimmt stimmst du dem zu, oder? Kannst das aus vollem Herzen bejahen. So ging es mir auch, als ich das das erste Mal gelesen habe. Und genau an der Stelle wende ich mich uns allen – allen voran mir selbst – zu und frage uns, warum wir das so wenig leben. Woran hapert es bei der Umsetzung? Was hält uns davon ab, genau das zu tun, was Elle Griffin hier beschreibt?

In meiner Coachingausbildung lernte ich, dass der Mensch eine Einheit aus Denken, Fühlen und Handeln ist (ich würde ja noch Glauben ergänzen wollen, aber das ist ein anderes Thema). Heißt: Wenn es beim Tun hapert, dann hapert es meist irgendwo davor, entweder beim Denken oder beim Fühlen.

Doch das passiert oft unbewusst. In unserem Unterbewusstsein spricht man in der Traumaforschung meist von Fight, Flight, Freeze – Flucht, Kampf oder Erstarren – als die drei Grundmuster, wie wir auf Stress, Gefahren und Herausforderungen reagieren. Und das macht es oft nicht so einfach, wirklich weiterzudenken, weiterzufühlen oder weiterzukommen.

Wo fangen wir da an? Am besten bei uns selbst. Aber mir ist es wichtig, nicht dort stehen zu bleiben. Die Welt braucht uns – und ich bin davon überzeugt, dass jeder einzelne von uns viel zu geben hat.

Mit diesem Newsletter will ich genau das entdecken und gemeinsam mit dir erkunden. Wenn du also gehofft hast, ich würde hier die politisch wichtigsten Themen der Woche aufgreifen, dann muss ich dich enttäuschen. Umgekehrt schließe ich keineswegs aus, genau das hin und wieder zu tun. Denn oft zeigen politische Debatten auf, wie es um uns als Individuen und als Gesellschaft bestellt ist.

Welche Gedanken und Gefühle kommen dir beim Durchlesen? Welche Beispiele kannst du nennen, wie du dich für die Gemeinschaft engagierst? Was braucht die Welt deiner Ansicht nach am dringendsten?

Antworte gerne auf diese E-Mail, das hier soll kein Monolog werden. Ich freue mich von dir zu lesen!

Bis nächste Woche,

Dein Daniel
Sabine Mickenbecker

Hören.

Diese Woche empfehle ich eine Podcast-Episode in eigener Sache. Und zwar habe ich ein Interview mit Sabine Mickenbecker, der Mutter von den Real Life Guys Philipp und Johannes, geführt. Echt. Ehrlich. Ermutigend.

Sehen.

In der ARD-Mediathek habe ich mir in den letzten Wochen die dreiteilige Doku-Serie "Der Kinderpsychiater – Die Macht des Dr. Winterhoff" angeschaut. Gruselig und beklemmend, und dennoch lohnenswert. Denn es wirft Fragen auf, auch: Warum bekam er so viel Applaus? Welches Bedürfnis in uns hat er adressiert?
PS: Für solch großartigen Journalismus zahle ich gerne meine Gebühren. Anderswo hätte es solch eine aufwendige Recherche vermutlich nie gegeben.
Michael Winterhoff

Fühlen.

Fühl' ich gerade voll: den Frühling.

Fühl ich so gar nicht: Politiker.

Riechen.

Ich frage mich, ob Bayer Leverkusen nochmal ne Chance auf die Deutsche Meisterschaft hat. Ich schätze nicht. Schade drum.

Schmecken.

Das schmeckt mir: Eis.

Das schmeckt mir so gar nicht: der Preis fürs Eis. (1,80 Euro kostet eine Kugel bei uns in Rheinbach. Whaaat?)

One more Sinn

Anstatt sich die Frage nach dem Warum zu stellen, hilft es manchmal, sich die Frage nach dem Wozu zu stellen. Philipp Mickenbecker hatte bei Stern TV mal darauf hingewiesen. Das Warum schaut in die Vergangenheit, das Wozu in die Zukunft.

Und dann frage ich mich, ob es nicht auch Momente im Leben gibt, in denen es dran ist, weder nach dem Warum noch nach dem Wozu zu fragen. Ich frage mich: Warum ist es uns so wichtig, stets das Warum zu wissen? Und warum fällt es uns so schwer, Unklarheit auszuhalten?
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