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Recht bescheuert

»We shape our tools, thereafter our tools shape us
— Marshall McLuhan
iGude!

Rente, Rente, Rente. Um 13:20 Uhr dann endlich das Ergebnis im Deutschen Bundestags zur Abstimmung über das Rentenpaket: Mit „Ja“ stimmten 319 Abgeordnete, mit „Nein“ 225. 53 Abgeordnete enthielten sich. „Damit ist der Gesetzentwurf angenommen.“ – mitsamt der sogenannten Kanzlermehrheit. Wer mehr dazu erfahren möchte: Anfang der Woche hat mein Freund Leonard die Thematik prima zusammengefasst, und vielleicht legt er ja in Kürze noch nach. Denn so freudig das für manche anmutet und kurzfristig sicher Wogen glättet, so heftig kann uns das heutige Ergebnis bereits in wenigen Jahren um die Ohren fliegen. Aber darum soll’s in der heutigen Ausgabe nicht gehen.

Tatsächlich beschäftigte mich Anfangs der Woche ein ganz anderes Thema sehr stark. Und zwar die neue App der Tagesschau. Auf den ersten Blick mag das vielleicht etwas kleinlich und albern anmuten, aber wenn man genauer hinschaut, verbirgt sich auch hinter diesem Ereignis deutlich mehr potenzielle Sprengkraft als man zunächst denken könnte.

Am Montag, den 1. Dezember launchte die ARD ihre neue Tagesschau-App. „Die Nutzenden erwartet eine neue Optik und intuitivere Navigation. Die Social-Media-Videos der tagesschau haben erstmals einen festen Platz in der völlig überarbeiteten App“, heißt es eingangs in der dazugehörigen Meldung.

Tatsächlich halte ich die neue Version gelinde gesagt für eine Katastrophe – sowohl für mich als auch, und hier lehne ich mich zugegeben weit aus dem Fenster, für unsere Demokratie.

Der Reihe nach: So sehr die Öffentlich-Rechtlichen in ihrer politischen Ausrichtung und Kommentierung nicht ausgewogen und neutral sind (obwohl sie das gerne glauben und behaupten), so sehr halte ich insbesondere die Tagesschau dennoch für die Nachrichtenquelle mit der neutralsten Aufbereitung von politischen Informationen. Du stimmst mir nicht zu? Dann nenne mir gerne eine neutralere journalistische Marke (nicht eine, die halt stärker deinem Weltbild entspricht – die mag es zuhauf geben). Tja, und aus diesem Grund würde ich die grundsätzliche Existenz des öffentlich-rechtlichen Konstrukts zunächst einmal auch immer verteidigen, trotz aller absolut berechtigter Kritik.

Als mündiger Bürger halte ich es für wichtig, zumindest eine grobe grundlegende Kenntnis davon zu haben, was in unserem Land passiert. Und für mich bot die Tagesschau-App dafür die technisch wie inhaltlich bestmögliche Grundlage. Bei der App selbst hatte ich für die Startseite stets die Textform eingestellt, zehn aktuell ausgewählte Top-News im Überblick und fertig. Einmal am Tag schaute ich kurz rein, las eins, zwei News und fühlte mich fürs Erste ausreichend informiert. (So sehr ich beispielsweise gerne Die Zeit lese: Für einen grundlegenden Überblick übers globale und nationale Geschehen halte ich sie nicht breit und aktuell genug aufgestellt, zumal inzwischen die allermeisten Artikel hinter der Paywall sitzen – wie bei nahezu jedem privat geführten Verlagshaus, das mit seinen Inhalten Geld verdienen muss.)

Mit der neuen Tagesschau-App ist die Darstellung der zehn relevantesten Meldungen in reiner Bild- und Textform nicht mehr möglich. Stattdessen gibt’s pro Screen einmal Video only; und mit je einem Swipe nach rechts kommt man zu den weiteren neun oder mehr Top-News. Noch dazu fehlt auf der Übersichtsseite der Teaser, also die kurze Zusammenfassung. Heißt: Um mir einen Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage zu verschaffen, musste ich bislang nur einmal nach unten scrollen. Keine zehn Sekunden später war ich fertig. Jetzt müsste ich zum einen zehnmal seitlich swipen und zum anderen nochmals fürs Lesen der dazugehörigen Teaser pro Meldung einmal nach unten und dann wieder nach oben scrollen. Das alles ist zusätzlich verbunden mit einer gewissen erhöhten Ladezeit (und Traffic, ergo unnötigem Stromverbrauch) wegen der bildschirmfüllenden Bewegtbilder oder Bilder, sofern ich Video deaktiviert habe. Sprich: Jetzt dauert alles deutlich länger. Und das nervt mich. Sehr.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht mir nicht darum, einfach nur die letzten zehn Meldungen im Überblick zu sehen. Das kann man bei der Tagesschau-App nach wie vor einstellen. Es geht mir darum, bei der Fülle an täglichen Meldungen die zehn relevantesten auf einen Blick sehen zu können. Das ist nun in reiner Textform [first] nicht mehr möglich. Und ja, was relevant ist, ist streitbar. Wie gesagt: Nenn mir eine bessere Nachrichtenapp mit frei zugänglichen Meldungen …)

Warum also das Ganze? Hier wird es interessant. Denn auch bei der dazugehörigen Tagesschau-Meldung erfährt man erst ganz am Ende kurz und knapp den wahren Grund für diese Änderung: „Die tagesschau-App passt sich mit der neuen Version auch an die neuen rechtlichen Vorgaben des Reformstaatsvertrags an, der zum 1. Dezember 2025 in Kraft getreten ist.“ End of story. Really?

Auch bei einem weiteren Artikel, in dem die Tagesschau die wichtigsten Fragen und Antworten zur neuen App beantwortet, bekomme ich nicht mehr Infos dazu. Bei der Frage „Und warum macht die tagesschau das?“ antwortet sie noch knapper als in der anderen Meldung: „Wir passen die App damit unter anderem der Website der tagesschau an. Damit folgen wir aber auch medienpolitischen Vorgaben, die ab dem 1.12.2025 bindend sind.“

Der erste Satz davon stimmt nur bedingt, denn: Allein die Auswahl der Top-Meldungen ist auf der Webseite eine andere als in der App. Zumal die App nun einen deutlich höheren Bewegtbildanteil im Hochformat enthält – und somit ganz anders wirkt als die Webseite (die mobil zudem einen dunkelblauen Hintergrund hat und sich somit auch designtechnisch stark von der App unterscheidet). Kurzum: Den vorgeschobenen Grund beiseitegeschoben, bleibt lediglich der zweite Satz als wahre Begründung übrig: Sie folgen damit also medienpolitischen Vorgaben. Nur welche sind das eigentlich?

Schauen wir dazu mal zu den Konkurrenten Kollegen der bereits erwähnten Zeit:

„Der Reformstaatsvertrag, der am 1. Dezember in Kraft tritt, macht zudem strengere Vorgaben zu Textinhalten, die online ausgespielt werden. Die ARD muss deshalb bis auf wenige Ausnahmen zuerst Audio- oder Videoformate veröffentlichen, bevor zu einem Thema ein Text auf tagesschau.de oder in der tagesschau-App veröffentlicht wird.“

Wenn du dich fragst, warum das so ist, gibt dir vielleicht der nächste Satz einen Hinweis auf die Lobbygruppe, die jahrelang darauf hinarbeitete: „Zusätzlich werde die Verlinkung auf Angebote privater Onlinemedien (wie Die Zeit, Anm.) ausgebaut, hieß es.“

Zu Deutsch: Die Tagesschau macht ihren gebührenfinanzierten Job so gut, dass die überwiegend Anzeigen- und Abonnement-finanzierten privaten Anbieter schlicht nicht mithalten können – und neidisch-verärgert darauf pochen, die Öffentlich-Rechtlichen im Umfang von textbasierten Meldungen wieder stärker einzuschränken. Schließlich wurde die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, kurz ARD, damals, 1950(!), lediglich für Fernseh- und Radioangebote gegründet, als man noch nicht erahnen konnte, dass mit dem Internet alle Gattungen miteinander verschmelzen würden. Heute, 75 Jahre später, haben sich die Zeiten doch erheblich gewandelt – und die fetten Jahre der traditionellen Printverlage sind weitestgehend vorbei, ergo also deren Unmut insbesondere auf die textlastige Tagesschau-App. So weit, so verständlich, oder?

Dumm nur, dass die Auswirkung dieser Änderung womöglich, und damit komme ich zurück zum Ausgangspunkt, demokratieschädlich sein könnten. Auch in der Zeit-Meldung heißt es am Schluss: „Zu den neuen Vorgaben zum Onlineangebot teilte die ARD mit, dass dadurch ein Verlust an Geschwindigkeit, geringere Sichtbarkeit in Suchmaschinen und eine geringere Reichweite zu befürchten seien. Es werde zudem schwieriger, jederzeit die angestrebte Vielfalt in Themen und Perspektiven zu erreichen.“

Tatsächlich teile ich diese Befürchtungen (auch wenn meine Motivation dahinter eine andere sein dürfte), aus mehreren Gründen:

Ja, die jungen Leute haben mit TikTok und Co. andere Nutzungsgewohnheiten. Aber entgegen der Erwartung, sie damit stärker anzulocken (womit die Tagesschau in den Meldungen übrigens nur recht vage argumentiert!), dürften viele andere Personen, darunter auch ich, abgeschreckt werden.
Die Tagesschau steht nun vor dem Problem, nur das ins Schaufenster stellen zu können, was sie auch mit Bewegtbild zeigen können (Marshall McLuhan hat recht, the medium really is the message!). Nicht alle Meldungen jedoch haben das passende Bewegtbildmaterial. Ergo landen manche Themen also allein deswegen nicht auf der Agenda, weil es kein passendes Bewegtbildmaterial dazu gibt. Der Aufwand für die Berichterstattung steigt also durch den künstlich resp. rechtlich erhöhten Anspruch, die Themenvielfalt dürfte jedoch abnehmen.
Die privaten Anbieter stehen zunehmend unter finanziellem Druck – und werden somit zukünftig noch stärker als ohnehin schon ihre Nachrichten hinter die zunehmend teure Paywall packen.

Heißt: Die Hoffnung der privaten Anbieter, dass nun ganz viele Menschen, die bislang die Tagesschau lasen, zu ihnen kommen und bei ihnen Meldungen lesen werden, halte ich für einen Trugschluss. Allein die Paywall weiß das zu verhindern, hinzu kommt aber auch die voreingenommene politische Berichterstattung resp. einseitige Färbung nach links, rechts, oben und unten (was auch immer oben und unten sein sollen 😉 ).

Somit werden die Öffentlichkeiten und Teilöffentlichkeiten noch fragmentierter als sie es ohnehin schon sind. Denn die Tagesschau war bisher trotz aller Kritik doch noch am ehesten das, was man „common ground“ nennen könnte – eine gemeinsame Basis, aufgrund derer öffentliche und politische Debatten geführt werden konnten. Wenn die privaten Angebote keine reale Alternative sind (u.a. weil hinter der Paywall), werden Konsumenten noch mehr als bisher in ihre Bubbles und die Echokammern der (a)sozialen Medien getrieben.

Wenn die Rechnung also nicht aufgeht (und das wird sie höchstwahrscheinlich nicht), gibt es mit dieser Änderung nur Verlierer. Allen voran wir, die Bürger der Bundesrepublik Deutschland, und damit schlussendlich – schleichend – die Demokratie. Denn: Weniger (gut) informierte und somit mündige Bürger bedeutet weniger bewusst getroffene Entscheidungen von Wahlen bis hin zu Konsumverhalten. All das basiert auf einer guten Informationsgrundlage, ohne Einfluss von Lobbyisten, PRlern und Marketingfuzzies (wie ich zuweilen einer bin).

Oder wie es die Tagesschau in einer weiteren Meldung etwas abstrakter formulierte: „Mit Blick auf die Diskussion über die neuen Regeln für Texte in Online-Angeboten, die unter dem Stichwort Presseähnlichkeit diskutiert wurden, erklärte Hager (ARD-Vorsitzende Florian Hager, Anm.): ‚Für uns ist das das schwierigste Thema in diesem Reformstaatsvertrag.‘ Insgesamt habe der Staatsvertrag aber das Potenzial, ‚die Medienlandschaft ganz grundsätzlich zu ändern.‘“ Leider nicht zum Besseren.

Dann halt nicht selbst

Was nun? Nachdem ich mich die ersten Tage wirklich darüber aufgeregt habe (mehr auf der persönlichen Ebene, aber eben mit dieser Meta-Dimension im Hintergrund), kam mir plötzlich eine Idee. Zwei Tage und zwei Stunden Arbeit später stand sie: meine eigene persönliche Tagesschau-Übersichtsseite, mit Bild und Text, ähnlich wie früher. Jetzt befindet sie sich als Webseiten-Icon direkt neben der Tagesschau-App auf meinem Homescreen und die nächsten Wochen werden zeigen, ob sie es tatsächlich schaffen wird, die neue Tagesschau-App bei mir obsolet werden zu lassen.

Das Problem an dieser selbstkreierten übersichtlichen Retro-Form: Technisch ist das nur den allerwenigsten möglich und rechtlich darf ich es leider nicht frei zugänglich anbieten. Ergo hilft es kurzfristig nur mir weiter, langfristig bleibt der zu befürchtende Schaden in der Breite der Bevölkerung weiter bestehen.

Desinformation, Kampagnen, Framing – die Gewinner dürften medial nicht die traditionellen privaten Medienhäuser sein, sondern die neuen privaten Medienmarken auf YouTube und Co. sein (die USA bieten auch hier einmal mehr ein Vorgeschmack auf das, was uns die nächsten Jahre noch verstärkt blühen dürfte). Auch das ist etwas, was man damals, als der Widerstand gegen das textlastige Angebot der Tagesschau sich formierte, noch nicht absehbar war. Die Zeit hat also vieles überholt. Hoffen wir, dass ihre unrühmliche Geschichte sich nicht wiederholt.

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

PS: Aufgrund der Länge dieser Edition verzichte ich diese Woche auf die fünf Sinne.

One more Sinn

Sowohl bei unserem Umzug als auch bei der Tagesschau-App musste ich innehalten (erinnert ihr euch noch ans Unterbrechen lassen von Edition 29 vor anderthalb Monaten?) und improvisieren (Ein Hoch auf Kreativität!). Immer wieder spielte ich den Problemlöser und bastelte mir kreative Lösungen für alltägliche Problemchen. Und jedes Mal lernte ich etwas dazu.

Wenn man weiß, wie es geht, ist es einfach. Manchmal stehen der eigene Kopf und die Gewohnheiten einem am meisten im Weg. Ich wünsche dir: Knoten frei für mehr Kreativität!

Augen|klick

Auf dem Weg zum Kleinanzeigen-Schreibtisch für meinen Sohn kam ich am Radom Wachtberg vorbei, von uns liebevoll "die Wachtberg-Kugel" genannt. In Monochrom wirkt sie etwas dramatischer, diese Woche also kein #nofilter. ;)
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