Transit Times-Logo

Clash of Weltsichten

»Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, welche sich die Welt nie angeschaut haben.«
— Alexander von Humboldt
iGude!
Zwischen den Jahren ist meistens ein guter Moment, um innezuhalten, Freunde zu treffen und dabei auf verschiedene Weltsichten zu stoßen. So auch dieses Jahr. Als meine Frau und ich mit Freunden auf ADHS zu sprechen kamen, war plötzlich ganz viel Energie im Raum. Und auch im Nachgang ging es in unserer gemeinsamen Messengergruppe heiß her.

Versteh mich jetzt bitte nicht falsch: Mir geht’s hier nicht um ein Bashing von Andersdenkenden, ganz im Gegenteil. Ich fand das höchst spannend, relevant und unterm Strich bereichernd – insbesondere auf der Metaabene. Und weil es exemplarisch stehen dürfte für die neue Zeit, in der wir heute leben, soll es genau darum in der ersten Edition des neuen Jahres gehen.

Der Magnesium-Mythos

Zuvor nehme ich dich mit auf eine Zeitreise zurück zum Juni 2025. Es ist ein warmer Nachmittag, als mich eine Sprachnachricht eines engen Familienmitglieds mit folgendem harmlos anmutenden Satz in Bezug auf ein Nahrungsergänzungsmittel erreicht: „Normalerweise soll man Magnesium und Calcium nicht zusammen nehmen.“ Bei der Kombination von „Normalerweise“, „soll“ und „man“ werde ich hellhörig. Ach echt? Sagt wer? Da google ich doch gleich mal nach …

Und siehe da, die Antwort der Google-KI spuckt prompt folgendes Ergebnis aus:

„Die gleichzeitige Einnahme von Magnesium und Calcium ist sinnvoll und wird von vielen Experten sogar empfohlen. Früher wurde angenommen, dass sich die beiden Mineralstoffe bei der Aufnahme in den Körper gegenseitig behindern, aber das ist widerlegt. Tatsächlich unterstützen sie sich gegenseitig bei verschiedenen Stoffwechselprozessen, wie z.B. der Muskelfunktion und der Knochengesundheit.“

Da haben wir es also. Schnell einen Screenshot davon gemacht, abgeschickt und gut ist.

Schön wär’s.

Was folgte, war zunächst die lapidare Antwort „Ok. Es gibt offensichtlich verschiedene Meinungen“. Kurz darauf kam dann, und hier wird ein Widerstand gegen das neue Weltbild sichtbar, folgende Nachricht hinterhergeschoben: „Außerdem sind plötzlich tatsächlich total viele Kombipräparate auf dem Markt. Erstaunlich wie sich die Erkenntnisse schnell wandeln. Sehr irritierend.“ Ich wittere eine Verschwörung.

Doch damit nicht genug: Es folgte der Versuch, die neuen Erkenntnisse zu relativieren oder vielmehr ad absurdum zu führen: „Ganz früher war es so wie heute. Dann war es tabu, beides zusammen einzunehmen. Jetzt ist es öfter wieder wie früher …“ Heißt: Mal so mal so, nichts genaues weiß man nicht – ergo ist’s doch auch egal (und ich kann das so machen wie bisher bzw. wie ich will).

Nur zwei Tage zuvor schrieb ich bei Transit Times (Edition №11: Fail forward) von der Sunk Cost Fallacy und schlussfolgerte:

Wenn ich jahrelang felsenfest von etwas überzeugt bin, fällt es mir schwer, das loszulassen. Ich habe schon viel darin investiert, meine Hirnsynapsen sind bei Thema X bereits zu sechsspurigen Autobahnen ausgebaut, und plötzlich kommt ein Truck und stellt sich quer und es kommt zur Massenkarambolage. Geht gar nicht.

Für unser Gehirn erscheint es nicht lohnenswert, solch einen Weg einzuschlagen. Es kostet zu viel Energie; und unser Gehirn versucht stets so effizient wie möglich zu agieren. Et voilà: Faulheit zieht ein. „Altersstarrsinn“ schimpft sich das dann auch gerne, also die Sturheit, die es uns bequem macht, stumpfsinnig an gewissen Gewohnheiten festzuhalten.

Okay, zugegeben: Nicht alles ist auf Faulheit und Stolz zurückzuführen. Tatsächlich steckt da oft Angst dahinter – und der mangelhafte Umgang mit diesem als unangenehm empfundenen Gefühl. Oder Trauer, weil ich ja gewisse Glaubenssätze loslassen muss, und im schlimmsten Fall noch mehr als das. Kurz: Veränderung kostet uns etwas. Und manchmal sind wir einfach nicht bereit, diese Kosten zu zahlen.

Das Prinzip ist auch hier gut zu sehen. Um das Argument auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, benötigte ich also eine Historie rund um die (gemeinsame) Einnahme von Magnesium und Calcium – die mir ChatGPT auch prompt lieferte. Ich erspare dir an der Stelle weitere Details, nur so viel: Die neuen Erkenntnisse rund um die Einnahme von Magnesium und Calcium sind weder erstaunlich noch irritierend, sondern durchaus verständlich und nachvollziehbar. Ich wittere also keine Verschwörung an der Stelle.

Doch selbst die sachliche Erklärung für diese Zickzack-Entwicklung konnte mein Gegenüber nicht überzeugen. Und selbst ChatGPT nutzen wollte er auch nicht. Also blieb alles beim Alten – jeder behielt sein Weltbild bei. Mein Vorteil an der Stelle: Ich hatte bis dato gar kein „Weltbild“ in Bezug auf die Einnahme von Magnesium und Calcium. Ergo war es für mich entspannt, das mithilfe von Google-KI und ChatGPT formen zu lassen. (Puh, wenn ich diesen Satz so lese, wird mir mulmig. Dir auch?)

ADHS und der ChatGPT-Bumerang

Wie sieht es nun aus, wenn ich zwischen den Jahren bei einem Thema, zu dem ich durchaus meine Meinung habe, auf eine völlig konträre Meinung stoße? Wo wir beim Ausgangsthema wären: das Gespräch mit unseren Freunden über ADHS.

Kurz gesagt: Unsere Freunde vertraten die Ansicht, ADHS sei genetisch zu 70-80 Prozent vererbt, ergo könne man da weder als Betroffener noch als Elternteil etwas dafür, wenn das eigene Kind ADHS habe. Ein Teil der Lösung sind dann Medikamente, und gut ist. (Zugegeben: Das ist jetzt sehr verkürzt und unzulässig vereinfacht – aber ich will den Rahmen hier wirklich nicht sprengen.)

Meine Ansicht: ADHS könnte womöglich keine Ursache, sondern ein Symptom sein – und weitaus häufiger als bislang angenommen nicht genetisch bedingt (zumal meines Kenntnisstandes nach bislang kein dezidiertes ADHS-Gen gefunden wurde), sondern in der frühen Kindheit entwickelt worden sein – etwa als Stressreaktion und/oder als Folge auf ein (Bindungs)Trauma.

Warum es von entscheidender Bedeutung ist, ob ADHS angeboren oder anerzogen ist? Weil davon abhängt, ob wir als Elternteil eine (Mit)Verantwortung dafür tragen, wenn unser Kind ADHS diagnostiziert bekommt. Und weil davon abhängt, wie man mit so einer Diagnose umgeht (Medikamente etc).

Meine Hypothese an der Stelle: Oft ist es uns Eltern lieber, die Verantwortung von uns zu weisen als uns ihr zu stellen. Wer stellt sich schon gerne als Elternteil hin und sagt: „Oops, da habe ich wohl leider versagt. Und jetzt hat mein Kind ADHS – schöne Scheiße.“ Nee, stattdessen ist es deutlich angenehmer zu sagen: „Mein Kind hat ADHS, das ist genetisch vererbt, dafür kann niemand was, ist jetzt so, kann man aber unter anderem mit Medikamenten behandeln.“

Nun kann man dazu stehen, wie man mag (ein heikles Thema, ich weiß – zumal ich davon ausgehen muss, dass unter den Transit Times-Lesern auch einige Personen mit ADHS dabei sind und mir durchaus bewusst ist, dass das an sich ohnehin schon sehr beeinträchtigend sein kann!). Im Nachgang an das Gespräch jedenfalls befragten unsere Freunde(!) ChatGPT, und siehe da: ChatGPT gab ihnen recht. Ja, ADHS sei zu 70-80 Prozent genetisch veranlagt. Umgekehrt führte ChatGPT auf, dass Kritiker die Verantwortung damit implizit auf Eltern (vor allem Mütter) verschieben würden und der Einfluss früher Betreuung überschätzt werden würde. Zumal dieses verständlich anmutende Narrativ der Kritiker menschlich und intuitiv plausibel sei. Aber, so ChatGPT: „Plausibel ≠ wissenschaftlich korrekt.“

Bäm, das saß.

Weltbild und Widerstand

Nun war ich also in der Rolle derer, deren Position von ChatGPT als klar falsch entlarvt wurde. Und mir war klar: Widerstand ist zwecklos.

Nur: Was, wenn es doch andersrum wäre, aber aktuell noch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt ist? Was, wenn wir uns in der Forschung noch in den frühen Anfängen befinden (in Bezug auf ADHS ist nach wie vor vieles ungeklärt) und in 10-20 Jahren einen völlig anderen wissenschaftlichen Stand erreicht haben werden? Dann wäre bis dahin mindestens eine ganze Generation mit Pillen ruhig gestellt worden, und die Ursache hätte über all die Jahre ungehindert grassieren können. Fakt ist: In Deutschland leiden schätzungsweise rund 2 Millionen Menschen an ADHS, Tendenz (stark) steigend.

Mein Eindruck war entgegen der Darstellung von ChatGPT, die den aktuell vorherrschenden wissenschaftlich-medizinischen Konsens abzubilden scheint, bislang jedenfalls genau andersherum: Immer wieder begegne ich Menschen, die die ADHS-Diagnose und andere Störungen mit den Genen begründen – und damit von vorneherein Verantwortung von sich wegschieben. Bei ChatGPT wurde mir das mit der Verantwortung nun genau umgekehrt geframt präsentiert – also aus Sicht derer, die derzeit eine Vielzahl an wissenschaftlichen Studien auf ihrer Seite haben. Ist das plausibel anmutende Narrativ der eigenen Verantwortung, Stressreaktion und Traumafolge also vergleichbar mit den Verschwörungstheoretikern und alternativen Wissenschaftlern von Corona und Klimawandel?

Du merkst: Bei der Aufnahme von Zahlen, Daten und Fakten kommt auch das eigene Weltbild mit ins Spiel – und die Frage, ob man daran etwas ändern möchte oder nicht.

Unabhängig davon, wie ich die Dinge sehe, muss ich davon ausgehen, dass ChatGPT und Co. mir die Inhalte wiedergeben, die da draußen nun mal vorherrschend existieren. Die Antworten der Chatbots sind nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert und trainiert wurden.

Die britische Mathematikerin Hannah Fry wies bereits 2019 in ihrem Buch „Hello world“ darauf hin, dass Algorithmen, quasi die Vorstufe von KI, unter anderem rassistische Ressentiments zementieren können, da sie ja Prognosen und Hochrechnungen lediglich basierend auf Zahlen aus der Vergangenheit treffen können. Zementieren wir also gerade unseren aktuellen Wissens(chaftlichen)stand im Zeitalter von KI? Neue Forschungen und Erkenntnisse könnten es zuweilen schwer haben, sich durchzusetzen. Zum einen werden Menschen wie ich sofort reflexartig zu ChatGPT und Co. rennen, um das neu Gehörte in Echtzeit zu verifizieren oder falsifizieren. Zum anderen gibt es Lobbygruppen, die gegen neue Erkenntnisse ankämpfen, etwa der Nutzung von Social Media ab 16 Jahren (absolut sinnvoll, krass umkämpft!). Und ChatGPT scheut sich nicht, uns – unter anderen von diesen Lobbygruppen gefütterte – vermeintlich klare Antworten zu liefern.

Was ich mich bei alledem frage:
  1. Bin ich bereit, mich verändern zu lassen? Auch oder gerade dann, wenn es bedeutet, dass ich bislang womöglich schädlich gehandelt habe?
  2. Was ist Wahrheit? Und bin ich bereit, sie loszulassen, wenn sich herausstellt, dass ich mich getäuscht habe?
  3. Wie werden Chatbots wie ChatGPT, Gemini und Perplexity uns verändern? Wird sich Wahrheit dadurch stärker verbreiten oder immer unklarer werden?
  4. Wo übernehme ich Verantwortung – und wo drücke ich mich davor? Wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang mit ChatGPT und Co. aus? Und wie mit unseren Kindern, Eltern, Andersdenkenden und überhaupt Mitmenschen?
  5. Was macht uns Menschen zum Mensch? Dieser Frage will ich im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz auch im Jahr 2026 verstärkt nachgehen.
Mit diesen offenen Fragen will ich dich im Jahr 2026 willkommen heißen. Es wird wild, aufregend, herausfordernd, bereichernd – wenn wir uns darauf einlassen.

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

Hören.

Vorgestern war ich mal wieder im Auto unterwegs. Die ideale Gelegenheit, um, wenn auch leicht verspätet, einen Jahresrückblick anzuhören. Wenn du dich auch für Politik interessierst, kann ich dir diesen Jahresrückblick sehr empfehlen. Er führt eindrucksvoll vor Augen, wie bewegt und intensiv das Jahr 2025 war. Und ja, 2026 schickt sich an, noch eine Schippe drauflegen zu wollen.

Sehen.

Die YouTuberin Alicia Joe behandelt in ihrem aktuellen Video - mal wieder - das Thema Smartphones. Sehenswert (oder vielmehr bedenkenswert), auch wenn sie aus meiner Sicht bei Minute 12.45 falsch abbiegt und auf den catchy title Warum Reiche ihren Kindern kein Smartphone geben zu wenig oder nur oberflächlich eingeht. Mit Transit Times-Leserin Alena (liebe Grüße!) hatte ich darüber bereits im Oktober als Reaktion auf Edition №27 einen E-Mailaustausch gehabt. Bei Interesse publiziere ich gerne mal eine dezidierte Edition dazu.

Fühlen.

Wie geht es dir zum Jahresanfang? Brauchst du auch ein bisschen, um den Motor wieder in Gang zu bekommen?

Jedes Mal, wenn ich anhalte und runterfahre, merke ich, wie viel los war - sowohl im Außen als auch im Inneren.

Und ich frage mich, ob meine Seele dabei hinterherkommt.

Hmm ...

Riechen.

Zwischen den Jahren habe ich den rauchigen Geruch von Lagerfeuer wahrgenommen. Die Jungs haben sich in unserem neuen Garten aus alten Backsteinen eine Feuerstelle gebaut, später ein Grillrost drübergelegt und ihre Bratwürste, die sie sich selbst gekauft haben, gegrillt. Das war Freiheit, Abenteuer und Entschleunigung pur. Gepaart mit Selbstwirksamkeit. 67!

Schmecken.

Geht es dir auch so? Irgendwann ist einfach der Punkt erreicht, an dem ich keine Weihnachtsplätzchen mehr sehen kann, so lecker sie auch schmecken. Genug von Lebkuchen, Spekulatius und Co. Wobei: Unser Weihnachtstiramisu könnte ich ganz bestimmt auch im Januar nochmal essen. Seit 2017 endet ja bekanntlich *hust* die Weihnachtszeit am Sonntag vor oder am 2. Februar. Also: Einer geht noch!

One more Sinn

War Jesus liberal oder konservativ? Je nach Weltbild wirst du in die eine oder andere Richtung argumentieren. Beide Lager haben gute Argumente – aber aus meiner Sicht haben beide nicht recht. Jesus war weder rein konservativ noch rein liberal, sondern sowohl als auch. Sein Reich war eben nicht von dieser Welt, und das merkt man.

Augen|klick

Ich bin schwarz und am Zug, mein Sohn ist weiß. Dumm gelaufen. (Schach ist ein herrliches Spiel, auch wenn ich inzwischen immer häufiger gegen meinen Sohn verliere. Gut so!)
Du kannst diese Ausgabe per E-Mail oder in unserer Telegram-Community kommentieren. Dort kannst du auch weitere Linkempfehlungen loswerden.
Transit Times-Logo