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Ich bin dann mal wütend

»Wut ist eine große Kraft. Wenn man sie kontrolliert, kann sie in eine Kraft umgewandelt werden, die die ganze Welt bewegen kann.«
— William Shenstone
iGude!

Vergangenes Wochenende hatte ich gleich drei Gespräche mit Männern, die Schwierigkeiten mit dem Gefühl Wut haben. Höchste Zeit also, einmal genauer hinzuschauen.

Wer schon mal so richtig wütend war, weiß: Wut kann uns ganz schön viel Energie geben. Wenn wir uns ihr voll und ganz hingeben, kann das Ergebnis politisch wie privat verheerend sein. Wenn es uns jedoch gelingt, angemessen mit ihr umzugehen, tragen wir aktiv zur Wiederherstellung einer wohltuenden Ordnung bei. Doch der Reihe nach.

Sowohl Gedanken als auch Gefühle betrachte ich als Informationen. Gefühle wollen uns etwas sagen, uns auf etwas Tieferliegendes hinweisen. Die Angst beispielsweise meldet sich, wenn sie eine Gefahr wahrnimmt – und sucht Schutz. Die Trauer meldet sich bei Verlust von etwas oder jemanden – und sucht Verständnis und Begleitung. Und die Wut? Wann meldet sie sich? Was denkst du?

Richtig, bei Ungerechtigkeit und Grenzüberschreitung. Also immer dann, wenn du etwas Ungerechtes oder Grenzüberschreitendes erlebst oder etwas als solches empfindest. Oder vielmehr: Sollte sich die Wut melden. Leider wird sie oft unterdrückt, und das hat nachvollziehbare Gründe.

Ob Mann oder Frau: So gut wie alle von uns haben höchst unangenehme Erfahrungen mit der Wut gemacht. Das wird mir auch in meinen Coachings immer wieder vor Augen geführt. Insbesondere die eigenen Väter spielten dabei keine rühmliche Rolle: Entweder wurde die Wut krampfhaft unterdrückt und jegliche Konflikte verschwiegen und unter den Teppich gekehrt oder sie explodierten und rasteten ungebremst aus, brüllten rum oder schlugen gar um sich. Kein Wunder also, dass wir Wut als schlecht abstempeln und sie infolgedessen unterdrücken und vermeiden, wo es nur geht.

Leider übersehen wir dabei etwas sehr Wichtiges, auf das der Psychiater und Begründer der Logotherapie, Viktor Frankl, im Wesentlichen hinwies:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Um es auf den Punkt zu bringen: Gefühle sind nicht frei wählbar, aber der Umgang mit ihnen ist wählbar. Wenn ich beispielsweise traurig bin, muss ich mich entscheiden: Lasse ich meinen Tränen freien Lauf? Oder halte ich sie zurück? „Reiß dich zusammen – Indianer kennen keinen Schmerz“, lernen viele von uns schon von Anfang an auf dem Spielplatz.

Zugegeben: Bei Wut mag es ein weiter Weg sein, bis man anders damit umgeht. Da die Automatismen sehr tiefgreifend sind, beginnt der erste Schritt damit, sich ihrer bewusst zu werden.

Das Ding ist: Du bist kein Opfer deiner Gefühle. Du bist kein Opfer deiner erlernten und anerzogenen Reaktionsmuster. Nein, du und ich, wir haben die Macht, innezuhalten und anders im Sinne von angemessen zu handeln. Was für ein Schatz! (Falls du das Wort „Macht“ nicht magst, kannst du auch die Begriffe Möglichkeit, Freiheit, Fähigkeit oder Verantwortung verwenden.)

Zurück zur Wut: Die allermeisten von uns machen den Fehler, die Wut mit der darauffolgenden Handlung gleichzusetzen. Wenn also jemand ausrastet, schlussfolgern wir: Wut ist scheiße. Damit will ich nichts zu tun haben. Ergo unterdrücken wir später die Wut um jeden Preis – koste es was es wolle. Aber die Kosten sind leider verdammt hoch.

Andere wiederum werden selbst cholerisch oder höchst explosiv – so schließlich haben sie es ja von ihrem Vorbild, ihrem Vater oder ihrer Mutter, gelernt. Und die Auswirkung bestätigen sie meist: Sie bekommen, was sie wollen, die Kinder geben endlich Ruhe und die Erwachsenen geben nach. Prima, es funktioniert! (Von wegen!)

Wieder andere haben zuhause nie Konflikte erlebt. Dabei wäre das so arg wichtig gewesen. Sie nehmen sich fest vor: Später mache ich das mal anders. Da sie aber nie gelernt haben, wie dieses anders aussieht, entwickeln sie sich genau umgekehrt von einem Extrem zum anderen. Oh boy!

Wie auch immer die Situation bei dir war: Das Zitat von oben weist darauf hin, dass sie nicht so bleiben muss. Um das zu verdeutlichen, schauen wir uns doch mal zwei der drei Gespräche vom vergangenen Wochenende näher an:

Gespräch 1: Liebe > Wut

In einem Vortrag sagte der Referent: Liebe ist gut, Wut ist schlecht. Ergo sollen wir unsere Mitmenschen lieben und nicht hassen und ihnen Böses mit Gutem vergelten anstatt Rache zu üben. Nach seinem Vortrag sprach ich mit dem noch sehr jungen Referenten. Sein größtes Vorbild war Jesus. Aber eben jener Jesus war es doch, der mit einer Peitsche, die er selbst gemacht hatte, im Tempel umherpeitschte, der andere mit „Schlangenbrut“ beschimpfte oder seine Jünger mit „Satan“ anfuhr (nicht sehr einfühlsam!). Dieser Jesus unterdrückte seine Wut nicht – er wusste aber, wie er sie auf eine gute – im Sinne von angemessene – Art ausdrücken konnte. Ergo kann Wut weder per se schlecht noch im Widerspruch zur Liebe stehen. Denn ausgerechnet dieser Jesus ist ja dem christlichen Verständnis nach Gott – und Gott IST nun mal Liebe.

Liebe ist meinem Verständnis nach kein Gefühl. Oder wenn, dann kein gewöhnliches Gefühl, sondern eines, das über den anderen steht. Wut hingegen ist der Liebe untergeordnet, aber nicht entgegenstehend. Sie ist wie gesagt eine Information, die mir etwas sagen will – nämlich, dass etwas Ungerechtes geschehen ist. Darauf nicht oder überzureagieren, wäre falsch. Aber angemessen zu reagieren, genau richtig. Angemessen kann durchaus auch sehr stark sein. Einmal mehr siehe Jesus: „Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“ (Markus 9,42 und Lukas 17,1) Wow, was ist das bitte für ein drastisches Zitat?

Statt Friede, Freude, Eierkuchen (was wir unbewusst oft suchen) predigt Jesus hier Friede, Freude und Gerechtigkeit. (I like!)

Gespräch 2: Wut > Angst > Scham

Im zweiten Gespräch erzählte mir mein Gegenüber, wie sein Vater in einer Situation unangemessen stark wütend war, was die Frage aufwarf, woher seine Wut eigentlich kam. Eine Möglichkeit: aus seiner Kindheit. Und tatsächlich, im Laufe des Gesprächs wurde deutlich, dass er eigentlich gar nicht wütend war, sondern Angst hatte. Die Wut war hier also ein Deckelgefühl, wie die Transaktionsanalyse das nennt, für die darunterliegende Angst.

Nur: Angst wovor? „Na davor, beschämt zu werden.“ Bingo! Ultimativ ging es hierbei um die Scham. Die Angst versucht wie gesagt uns zu beschützen – in diesem Fall vor dem extrem unangenehm empfundenen Gefühl Scham.

Wut ist hier also „nur“ das Ventil, um mit der panischen Angst klarzukommen, beschämt zu werden. Ergo erfolgt immer wieder eine krasse Überreaktion im Erwachsenenalter, die der Situation absolut nicht angemessen ist.

Okay, wie denn jetzt?

Das dritte Gespräch war zu intim als dass ich hier darüber schreiben würde. Nur so viel: An einer Stelle stellte ich folgende Hypothese auf: „Je näher dir die Person steht, desto weniger erlaubst du dir wütend zu sein.“ Eine typische Folge eines tief verankerten Glaubenssatzes, etwa wenn man sich schwört nie so zu werden sie sein Vater oder umgekehrt seinen Vater immer noch versucht als Helden hochzuhalten, obwohl er es schlicht nicht ist (genauso wenig wie du und ich es sind). Es gibt vielfältige Gründe dafür, aber heilsam ist das alles nicht.

Okay, Daniel, aber wie kann ich denn Wut auf eine gute Art ausdrücken? Danke fürs Nachfragen. Lass mich kurz rekapitulieren, bevor ich darauf eine von vielen möglichen Antworten gebe:

Wut ist kein schlechtes Gefühl, sondern zunächst einmal legitim. Da wir Wut meist sehr stark empfinden oder erlebt haben, nehmen wir es als unangenehm wahr. Dabei nehmen wir nicht mehr wahr, dass die Wut uns etwas sagen möchte (= Information), uns auf ein tieferliegendes Bedürfnis hinweist. Nämlich auf erlebte Ungerechtigkeit oder auf eine stattgefundene Grenzüberschreitung. (Dort, wo im Erwachsenenalter eine Überreaktion stattfindet, deutet das auf ein oder mehrere solcher unverarbeiteter Ereignisse aus der Kindheit hin.)

Wie stelle ich jetzt die wohltuende Ordnung wieder her? Ich nehme da zwei verschiedene Ebenen wahr: Zum einen gibt es die persönliche Ebene der inneren Verletzung – etwa wenn mir Gewalt angetan wurde. Zum anderen gibt es die gesellschaftlichen Ebene der wahrgenommenen Ungerechtigkeit – etwa wenn Politiker nicht integer handeln oder elementare Freiheiten einschränken. Beides ist ungerecht und grenzüberschreitend.

Bei Ersterem bin ich eher bei mir und meinen Wunden. Hier ist es als Leidtragender hilfreich, Grenzen zu setzen. Wut sucht im Gegensatz zur Trauer keine Begleitung und Nähe, sondern braucht Distanz. (Achtung: Dort, wo Wut nur ein Deckelgefühl für die darunterliegende Angst, Trauer oder Scham ist, wäre Distanz kontraproduktiv!)

Bei Zweitem bin ich stärker im Außen, und auch hier kann es geboten sein, Grenzen zu setzen. Jesus hat sich von der Beschmutzung des Tempels aufs Schärfste distanziert. Nicht mit leeren Worten, sondern mit starken Taten. Er setzte klare Grenzen und stellte die göttliche Ordnung wieder her. Auch Lügen wies er klar zurück und entlarvte Heuchler – zum Schutze aller, die in Frieden und Freude leben wollen. Genau dafür braucht es die eingangs erwähnte Energie der Wut.

Nur: Nehme ich mich selbst – und meine Gefühle – überhaupt wahr und ernst? Erlaube ich mir, gesunde Grenzen zu setzen ohne dabei andere auszugrenzen (also nicht vom Opfer zum Täter zu werden)? Bin ich mir bewusst, ob ich bislang womöglich eher ungesunde Grenzen zulasten anderer gesetzt habe? Wie kann ich früh- bzw. rechtzeitig Grenzen setzen ohne dabei die Beziehung zu gefährden? Und wie kann ich meine Wut angemessen ausdrücken? Einem Freund von mir half es enorm weiter, als ich ihm die darauffolgende Gegenfrage stellte: Wie würdest du dir wünschen, dass andere dir gegenüber ihre Wut zeigen?

Mit dieser Frage lasse ich dich jetzt mal zurück, würde mich aber sehr freuen, deine Antwort darauf zu lesen. Gerne auch drüben bei Telegram. Auf diese Weise könnten wir alle davon profitieren.

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

PS: Aufgrund der Länge verzichte ich in dieser Edition auf die weiteren Newsletter-Elemente.

»Jeder kann wütend werden – das ist leicht, aber wütend zu sein auf die richtige Person, im richtigen Ausmaß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Weise - das liegt nicht in jedermanns Macht und ist nicht leicht.«
Aristoteles

One more Sinn

Ja, man kann sich in Wut reinsteigern – und blind vor Wut werden. Genauso wie man in der Trauer versinken kann und dann im Selbstmitleid landet. Aber man kann die Wut wie andere unangenehm empfundene Gefühle auch zu Ende fühlen.

Dafür muss ich ihr allerdings den Raum geben, den sie braucht. Das Coole daran: Nachdem ich sie (also mich!) ernstgenommen habe, wird die Wut auch wieder gehen – und Frieden und Freude können sich breit machen. Hast du das schon mal erlebt?

Augen|klick

Letzte Woche waren es die Schlitze in der Wand, diese Woche sind es die die Holzbalken an der anderen. Was du hier siehst, ist das Grundgerüst fürs Podcaststudio. Es soll ja wieder weitergehen mit voll meta!, Realisten und Co.
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