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Wahrheit under attack

»Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst.«
— Hiram Johnson
iGude!

Samstag, der 28. Februar 2026. Israel und die USA greifen den Iran an. Gezielt schalten sie unter anderem Irans Obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei aus – und seitdem herrscht ein neuer Krieg. Dauer, Ausmaß und Ausgang ungewiss. Die Medien sind völlig zurecht voll davon. Ich möchte dich nicht mit the more the merrier belästigen, sondern zwei Aspekte hinzufügen, die dabei untergehen.

Mediale Ablenkung

Der erste wäre schnell abgehandelt. Am 4. August 2025 schrieb ich in Transit Times Edition Nr. 19:

„Es beunruhigt mich offen gestanden, dass derzeit gefühlt das einzige, dass das hochbrisante Thema (Epstein Files, Anm.) von der Agenda nehmen könnte, ein neuer Krieg oder eine weitere Eskalation in einem bestehenden Krieg wäre. Dahingehend sind Meldungen von verlegten Atom-U-Booten durch Donald Trump gleich doppelt besorgniserregend. Zumal ich hierbei unweigerlich an Trumps Vergangenheit als Schauspieler denken muss – und den Film ‚Wag the Dog‘, eine Satire über die Inszenierung eines Krieges zur Ablenkung von politischen Problemen …“

Nun will ich damit nicht behaupten, Donald Trump hätte diesen Krieg lediglich initiiert, um von politischen Problemen abzulenken – zumal wohl Israel der Initiator dieses Angriffs gewesen sein soll. Fakt ist: Es spielt Trump durchaus in die Karten. Oder hast du in den letzten Tagen noch eine Meldung zu den Epstein Files gelesen? Nachdem Bill Clinton am 27. Februar vor einem Kongressausschuss des US-Repräsentantenhauses zur Epstein-Affäre aussagte (er könne sich an nichts erinnern – erbärmlich!), hätte Donald Trump die nächsten Tage sicher noch stärker unter Druck gestanden, dort ebenfalls auszusagen. Donald Trump jedoch weigert sich weiterhin beharrlich. Sein Argument war bis dato stets: Noch nie musste ein (amtierender) US-Präsident vor einem Kongressausschuss aussagen. Dieses Argument ist nun mit der Befragung von Ex-Präsident Bill Clintons hinfällig.

Nochmal: Donald Trump hat diesen Krieg ganz sicher nicht mal eben einen Tag später angezettelt, um davon abzulenken. Aber dass ihm dieser Krieg medial gelegen kam, liegt auf der Hand. Der Druck auf ihn wuchs zuletzt gefühlt täglich. Ich frage mich immer wieder, wie man da noch nachts ruhig schlafen kann …

Ich hoffe sehr, dass die Epstein Files mit diesem Krieg nicht in Vergessenheit geraten, sondern spätestens danach wieder medial präsent werden. Alles andere wäre für die Betroffenen eine Farce.

Mangelnde Integrität


Wo wir beim nächsten Thema in Puncto Iran-Krieg wären:

Im Fall Pavel Durov hätte ich mir jedoch eine für mich sehr zentrale kritische Nachfrage (von Lex Friedman in dessen Podcast-Interview, Anm.) gewünscht, die die gesamten viereinhalb Stunden lang ausblieb: Warum widmest du dein Leben der Entwicklung einer Messenger-App, obwohl du persönlich das Smartphone nahezu vollständig meidest? (…) Pavel, der aus Russland stammt und von dort vertrieben wurde, würde vermutlich mit „Freedom of Speech“ antworten.

Das schrieb ich am 3. Oktober 2025 in Transit Times Edition Nr. 27. Nun hat eben jener Pavel Durov, Telegram-Gründer und CEO, einen Tag nach dem Angriff auf den Iran Folgendes auf X gepostet:

Unfortunately, I had to leave Dubai for Europe a week ago — so I’m not only missing the free fireworks from Iran, but also exposing myself to greater risk. Given Europe’s crime rates, Dubai is statistically safer even with missiles flying. Can’t wait to be back.

Kurz zum Hintergrund: Der Iran hat in der Folge der Angriffe nicht nur Gegenangriffe gegen Israel gestartet, sondern auch umliegende arabische Länder angegriffen, darunter auch die Stadt Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und anscheinend damit einen empfindlichen Nerv getroffen, da Dubai bis dato als extrem sicher galt und nun viele verunsichert sind.

Nun zu Parovs Post: Was mich zunächst negativ überraschte, war sein Zynismus, mit dem er die Raketenangriffe des Iran als „free fireworks“ bezeichnete. Das ist einfach nur geschmacklos.

Inhaltlich schwierig fand ich seine Aussage, Europa sei gefährlicher als Dubai. Und zwar auf zwei Ebenen: Statistisch gesehen mag er damit vielleicht Recht haben. Aber Fakten sind eben nicht gleich Wahrheit. Und zur Wahrheit gehört, dass die niedrige Kriminalitätsrate mit empfindlichen Strafen erzielt wird. So kann bereits eine Beleidigung wie „dumm“ mit bis zu sechs Monaten Haft bestraft werden. Jeder weiß, was ihm blüht, wenn er in den VAE Sch… baut. You better don’t.

Und selbst faktisch tischt Durov uns nur die halbe Wahrheit auf. Zur ganzen Wahrheit gehört nämlich, dass er von Bodyguards beschützt wird – und somit sein eigenes Risiko im Ausland minimiert, während ihm das in Dubai im Falle eines Raketeneinschlags herzlich wenig nützt. Du merkst also: Durovs Post war nicht wirklich aufrichtig, sondern sehr einseitig verzerrt bzw. gefärbt. Warum nur?

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass es Druck von oben gab? Den zumindest scheinen die (deutschen) Dubai-Influencer derzeit mächtig zu spüren. Es sei nicht so, dass Influencer einen Vertrag unterschreiben, in dem steht, dass sie jeden Tag drei lobende Posts über das Land absetzen müssten, kommentiert Medienanwalt Christian Solmecke. „Es ist vielmehr eine Art unausgesprochener Deal, der perfekt als Image-Maschine funktioniert.“ Das nennt man freiwillige Selbstzensur. Also das Gegenteil von Freedom of Speech, von Meinungsfreiheit.

Was bei mir mit Blick auf Pavel Durov eine kognitive Dissonanz bewirkt. Denn seine Worte passen nicht zu seinen Taten. Vor einem Monat schrieb er auf seiner Plattform Telegram: „On Telegram, we prioritize your privacy and freedom: strong encryption, no backdoors, and resistance to overreach.“ Auf Deutsch: „Bei Telegram stehen Ihre Privatsphäre und Freiheit an erster Stelle: starke Verschlüsselung, keine Hintertüren und Widerstand gegen Übergriffe.“ Auch hier: Würde er wirklich danach handeln, wären die Chats und Gruppen in Telegram standardmäßig ende-zu-ende-verschlüsselt. Das jedoch sind nur die sehr umständlich manuell zu startenden „Secret Chats“, die keiner(!) meiner Freunde jemals nutzte und ich es inzwischen auch aufgegeben habe (und Telegram daher auch privat nicht mehr nutze).

Unterm Strich ziehe ich aus alledem zweierlei: Die Welt ist hochkomplex und die Wahrheit umkämpft wie nie; zugleich ist die Integrität des Einzelnen zunehmend Mangelware. Das Image (Trump) und die Loyalität (Durov) scheinen vielen von uns wichtiger zu sein, und vielleicht ist das auch eine Frage, die jeder einzelne von uns mitnehmen kann: In welchen Bereichen meines Lebens ist es mir wichtiger, was andere über mich denken als das, was ich über mich denke? Wo verleugne ich meine Überzeugungen und opfere meine Werte dem vermeintlichen Ansehen oder Status vor anderen Leuten – und warum ist mir das überhaupt so wichtig?

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

PS: Mir stellt sich in diesem Zuge die Frage, ob ich mich daher auch im publizistischen Sinne von Telegram abwenden sollte? Immerhin gibt es dort ja auch einen Transit Times-Kanal, um das Kommentieren einzelner Editionen leichter zu machen. Was denkst du?

Hören.

Meine Podcast-Playlist ist zum Bersten voll. Keine Ahnung oder vielmehr Chance, das alles zu hören. Wie gut, dass gleich eine Autofahrt ansteht. Ich schwanke noch zwischen Paul Ronzheimer bei Hotel Matze und Markus Gabriel bei Alles gesagt?. Was sind zurzeit deine Lieblingspodcasts oder Episoden?

Sehen.

Da ich derzeit YouTube faste, schaue ich mir sehr wenig an. Zumal ich abends nach all den Handwerkern im Haus ohnehin viel zu müde dafür bin.

Wie gut, dass endlich die sechste Staffel von Der Doktor und das liebe Vieh erschienen ist. Vielen Dank nochmal, lieber Toby, für die Empfehlung!

Fühlen.

Sonne. Mega.

Riechen.

Neulich musste ich an den Handwerker denken, der einen Tag vor Silvester unseren verstopften Revisionsschacht befreite. Zwei Stunden lang stand ich da und schaute ihm zu, wie er alles gab. Interessant ist, dass ich mich dabei sofort wieder an diesen Geruch erinnere. Hast du auch Erinnerungen, die Gerüche in dir erzeugen?

Schmecken.

Aktuell faste ich unter anderem Wurst. An für sich kein Problem, aber ich liebe Senf. Und der schmeckt nun mal mit Wurst am besten. Echt ein Problem.

One

Zwei Dinge:
  1. Komplexität ≠ Kompliziertheit. Etwas kann komplex sein, aber wir können auch etwas Einfaches (unnötig) kompliziert machen. Komplexität wenn nötig zu verstehen und wenn möglich zu vermeiden, ist sinnig. Kompliziertheit hingegen ist einfach nur Kacke. Was hier oft fehlt, ist klares Denken.
  2. Am vergangenen Samstagmorgen war ich sehr früh tanken. Der Tank war fast leer, genauso wie die Tankstelle. Entsprechend hoch war der Preis, über 1,80 Euro pro Liter. Ich ärgerte mich darüber, nicht lieber am Mittag getankt zu haben, da ist es dann normalerweise deutlich günstiger. Noch am gleichen Tag begann der Krieg auf den Iran – und gestern sah ich Benzinpreise über 2 Euro pro Liter.

Augen|klick

Gestern waren mal wieder die Elektriker im Haus. Zum vierten Mal. Und eigentlich sollte es das letzte Mal sein. Ziel war es, ein Kabel quer durchs Haus zu verlegen, um künftig Glasfaser nutzen zu können. Einmal vom Keller in die Waschküche, von dort eine Etage höher und dann nochmal quer durch den Flur ins Büro. Als sie fertig waren, stellten sie fest, dass sie das falsche Kabel verlegt hatten. Kannste dir nicht ausdenken.

Und der Chef? Der sagte nur, dass er von seinem Händler das andere Kabel nicht beziehen könne und schlug vor, das Kabel wieder zu entfernen, wenn es nicht berechnet werden solle. Kannste, dir nicht ausdenken, die Zweite.

Das benötigte Kabel würde 10-15 Euro kosten und kann überall im Internet bestellt werden. Als ich das dem Chef am Telefon lösungsorientiert sagte, legte dieser einfach auf. Kannste dir nicht ausdenken, die Dritte.

Parallel kam dann noch der Klempner, der den Wasserhahn in der Küche auswechselte. Der brach nämlich einen Tag zuvor einfach ab. Und lies sich von mir nicht entfernen, da unter anderem der Schlauch für die Spülmaschine mit dranhing. Der Klempner sägte die Schläuche einfach durch; jetzt haben wir einen neuen Wasserhahn und die Waschmaschine hat ihren eigenen Zulauf. Was einem sofort bewusst wird: Wie selbstverständlich wir doch die kleinen Dinge des Alltags nehmen. Bis sie auf einmal nicht mehr funktionieren.

Für nächste Woche hat sich soeben die Stadt Rheinbach angemeldet. Die Kanalisation vor unserer Haustür muss neu gemacht werden. Dafür muss alles aufgerissen werden. Parallel dazu muss das zentrale Abflussrohr im Revisionsschacht, der Ende letzten Jahres verstopft war, neu gemacht werden. Es winkt eine weitere Woche voller Baustellen und Handwerker, yehaa.
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