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Das Social Media-Gebot

»Soziale Netzwerke sind legales Crack. Wir werden nicht darauf verzichten.«
— Nicole Diekmann
iGude!

Außer you live under a rock hast du bestimmt mitbekommen, dass die Debatte um das Social Media-Verbot Deutschland nun auch vollends erreicht hat. Insbesondere die deutsche Politik, die offen über ein Verbot für Kinder unter 14 Jahren (SPD) oder unter 16 Jahren (CDU) nachdenkt. Selbst Friedrich Merz hat sich inzwischen zu Wort gemeldet und offen für ein solches Verbot gezeigt. Grund genug, sich das Transit Times-Thema der Woche einmal näher anzuschauen.

Montag, 16. Februar 2026
Die Woche startete damit, dass die SPD über Social-Media-Einschränkungen für Jugendliche diskutierte. (Tagesschau)

Bereits am Abend legte die Tagesschau mit einer Meldung und einem weiteren 13-minütigen Video nach. (Tagesschau-Meldung | Tagesschau-Video)

Dienstag, 17. Februar 2026
Am nächsten Morgen folgten zwei weitere Meldungen, die auf die Gefahren fürs Gehirn aufmerksam machten und einen Überblick über das internationale Geschehen lieferte. (Tagesschau-Meldung 1 | Tagesschau-Meldung 2)

In einer dritten Meldung, ebenfalls am frühen Morgen, zog die CDU nach und sprach sich ebenfalls für Social-Media-Beschränkung aus. (Tagesschau)

Mittwoch, 18. Februar 2026
Nur einen Tag später folgte dann auch Friedrich Merz mit „Sympathie“ für die Social-Media-Einschränkung, wie die Tagesschau titelte. (Tagesschau)

Donnerstag, 19. Februar 2026
Doch damit nicht genug: Gestern setzte Friedrich Merz noch einen drauf und sprach sich für eine Klarnamenpflicht im Internet aus. (Tagesschau)

Kurz darauf sagte Mark Zuckerberg zu den Risiken sozialer Medien vor Gericht aus. (Tagesschau)

Vorreiter Australien und Frankreich

Kurz zur Einordnung: In Australien ist seit dem 10. Dezember 2025 das weltweit erste umfassende Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Kraft. Nur anderthalb Monate später wurde auch in Frankreich von der Nationalversammlung ein Gesetz verabschiedet, das die Nutzung sozialer Medien für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren untersagt.

Somit schwappte die universelle Erkenntnis, dass man hier was tun muss, vergleichsweise schnell nach Deutschland. Bei Prostitution etwa, Stichwort nordisches Modell, dauerte das Jahrzehnte. Warum also dieses plötzliche Tempo in Puncto Social Media und die breite mediale Begleitung dazu? Von 0 auf 100 in drei Monaten, das ist fast schon unheimlich … schnell.

Um es vorweg klar und deutlich zu sagen: Ich bin absolut für ein Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. Die starken Gründe dafür, auf die ich heute nicht groß eingehen werde, dürfte der Sozialpsychologe Jonathan Haidt in diesem Podcast deutlich gemacht haben. Und dennoch gestaltet sich das alles nicht so einfach wie man meinen könnte.

Per Vorwand zur Zensur

Der Telegram-Gründer Pavel Durov wies am 4. Februar auf die Gefahren von einem Social-Media-Verbot hin. Das Kernproblem dabei: Ein wirkungsvolles Verbot lässt sich nur mit einer Alterskontrolle durchsetzen. Womit neue Probleme entstehen. Denn: Eine Alterskontrolle ergibt nur dann Sinn, wenn sie für alle Nutzer gelten. Wie sonst sollte man nachweisen, tatsächlich 16 Jahre oder älter zu sein? Gesichtserkennung und KI sind schlicht nicht zuverlässig genug.

Doch mit der Alterskontrolle würde für Plattformen die Notwendigkeit einer womöglich aufwendigen und kostspieligen Verifikation entstehen (wofür ich kein Mitleid habe) – und damit auch umfangreiche Datenbanken mit sensibelsten Informationen wie Ausweisnummern (womit ich ein großes Problem habe).

Heißt: So sehr ich auch die Argumente von Jonathan Haidt teile – die entscheidende Frage wird sein, wie das Verbot umgesetzt wird. Und hier fürchte ich das Schlimmste, hoffe aber auf das Beste.

Das Alkohol-Argument

Dass meine Befürchtungen nicht unbegründet sind, macht aus meiner Sicht Friedrich Merz eindrucksvoll deutlich, der von vermutlich null Ahnung in kürzester Zeit auf wenig Ahnung hochgepimpt wurde. Sein Alkohol-Argument dürfte ihm jemand gesteckt haben, mit dem er nun hausieren geht:

„Aber das Argument, man muss Kinder heranführen, damit sie es können, trägt ehrlich gesagt nicht. Dann müssten sie auch Alkohol schon in der Grundschule ausgeben, damit sie sich daran gewöhnen.“

Dass er nur einen Tag später noch einen krassen Schritt weiter geht und sich für Klarnamenpflicht im Internet ausspricht, zeigt das mangelhafte Urteilsvermögen und die digitale Inkompetenz von Merz – unserem Bundeskanzler. Auch hier beruft er sich zentral auf ein simplifiziertes Argument:

„Wir stellen uns in der Politik auch mit Klarnamen und offenem Visier einer Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft. Dann erwarte ich das auch von allen anderen, die sich kritisch mit unserem Land und unserer Gesellschaft auseinandersetzen.“

So nachvollziehbar es auch anmutet – das Argument ist schlicht falsch und komplett unrealistisch. Zu Ende gedacht würden wir damit in einem totalitären Überwachungsstaat landen, wo Whistleblower, Systemkritiker und unabhängige Journalisten ausgemerzt wären. Für Merz und die AfD womöglich ein feuchter Traum, für mich als Journalist der reinste Alptraum.

Schießt Spanien übers Ziel hinaus?

Und genau davor warnt Durov, der sich in seinem Post auf Spanien bezieht, ein Land, das nun nach Australien und Frankreich in Puncto Social Media-Verbot ebenfalls nachziehen will. Denn neben dem Verbot für Unter-16-Jährige mitsamt Altersnachweis plant die spanische Regierung rund um Ministerpräsident Pedro Sánchez noch folgende weiteren Schritte:
  • Persönliche und strafrechtliche Haftung für Führungskräfte von Plattformen: Wenn „illegale, hasserfüllte oder schädliche“ Inhalte nicht schnell genug entfernt werden, droht den Chefs eine Gefängnisstrafe.
  • Die Verstärkung durch Algorithmen wird kriminalisiert: Es wird zu einem Verbrechen, „schädliche“ Inhalte durch Algorithmen zu verstärken.
  • Verfolgung von „Hass und Polarisierung”: Plattformen müssen überwachen und melden, wie sie „Spaltung fördern“.
Siehst du auch, wohin das führt? Übermäßige Zensur, Bewertung von Kritik als Hass, staatlich kontrollierte Vorgaben, vorauseilender Gehorsam – und zwar immer gegenüber der gerade herrschenden Partei. Die AfD dürfte sich bei diesen Maßnahmen die Hände reiben.

A oder B? Option C, D und E bitte!

Daraus entstehen schnell zwei Lager: Auf der einen Seite diejenigen, die (völlig zurecht!) ein Verbot zum Schutze unserer Kinder fordern. Auf der anderen Seite die Mahner und die finanzkräftige Lobby, die um ihre Macht fürchten und jegliches Vorhaben bei ausreichend Gegenwehr zum Erliegen bringen könnten, wodurch ein politischer Stillstand entstünde und das zerstörerische Unwesen munter weitergetrieben werden könnte.

Hätte ein Friedrich Merz Ahnung vom Internet, könnte er diese Gefahren mitdenken und clevere Lösungen anbieten. So könnten die Techgiganten etwa dazu angehalten werden, Personalausweisnummern direkt nach der Verifikation idealerweise durch eine unabhängige dritte Stelle zu löschen und enorm hohe Geldstrafen angedroht bekommen, sollten sie das nicht tun.

Oder, wie Haidt bereits 2024 in seinem Buch „The Anxious Generation“ (dt.: Generation Angst) alternativ vorschlägt: Man könnte es auch via Blockchain-Token lösen, also einer digitalen Einheit, die lediglich bestätigt, ob man über 16 Jahre alt ist oder nicht – und sonst nichts. Der Token würde somit als digitaler Führerschein dienen, aber keine weiteren persönlichen Daten enthalten, was eine ideale Absicherung gegenüber Hackern wäre.

Haidt hat noch eine weitere tolle Idee im Gepäck: Eltern müssten bei Smartphones und anderen digitale Endgeräten hard- oder softwareseitig einstellen können, ob bzw. dass sie ihren Kindern gehören – sodass die Plattformen sofort wüssten, dass es sich hierbei um Kinder und Jugendliche handelt.

Idealerweise würden uns gleich mehrere Möglichkeiten angeboten, das eigene Alter nachzuweisen. Doch weder wird es, so fürchte ich, – unabhängig von unserem Kanzler – dazu kommen noch kann Merz so etwas überhaupt denken. (Auch die SPD mutet für mich völlig weltfremd und unnötig kompliziert an mit ihrem Vorschlag, dass Plattformen ihre Algorithmen lediglich für 14-16 Jährige deaktivieren.)

Stattdessen arbeitet die EU in Sachen Altersnachweis (und vielem mehr, Stichpunkt „EU Digital Identity Wallet“!) bereits an einer europäischen Lösung, die bald eingeführt werden soll. Doch wenn Politiker plötzlich selbst IT machen, endet das meist im Fiasko. So wie die E-Patientenakte, die Hacker auch nach dem verbesserten Schutz umgehend erneut hackten. Yeah. Das ganze auf europäischer Ebene: kann nur in einem Desaster enden.

Anstatt also sinnvoll zurückzuschrauben, verschlimmbessert man und verstrickt sich in neuen, hausgemachten Problemen, die völlig wirkungslos oder gar weitaus verheerender werden könnten. Ähnlich wie es bei der Nachbesserung des Prostitutionsgesetzes der Fall war.

Bye bye, Social Media!

Kritiker werden die bevorstehenden Verbote hinsichtlich Social Media also durchaus zurecht kritisieren. Gleichzeitig ist Nichtstun auch keine Lösung. In der Bibel heißt es „Der Kluge sieht das Unglück voraus und bringt sich in Sicherheit; ein Unerfahrener rennt mitten hinein und muss die Folgen tragen“. Das Einzige, was du derzeit also sinn- und wirkungsvoll tun kannst, ist Social Media den Rücken kehren. Sprich: Deine Accounts löschen und die Finger von dem Gift lassen, das schleichend deine Aufmerksamkeit, dein ganzes Denken ruiniert. Das aber, so fürchte ich, wird nicht ansatzweise im ausreichenden Maße passieren. Dabei wäre es die denkbar einfachste Lösung für dieses ganze Dilemma.

Ein Letztes noch: Ich betrachte das Social Media-Verbot nicht als Einschränkung, sondern als sinnvolle Schutzmaßnahme für unsere Kinder und Jugendliche. Mir ist klar, dass vielen von ihnen das zunächst nicht gefallen wird. Das war bei der Einführung der Gurtpflicht zunächst auch so. Wie viele haben sich dagegen gesträubt und die Gurtpflicht als unzulässigen Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte empfunden. Heute wehrt sich niemand mehr dagegen.

Und da die Verantwortlichen der sozialen Medien keinerlei Anstalten machen, ihrer Verantwortung nachzukommen, bleibt uns nichts anderes übrig als mithilfe der Politik einen schützenden Rahmen wiederherzustellen, in dem Kinder und Jugendliche etwas sicherer, unbeschwerter und deutlich gesünder aufwachsen können. Hier delegieren Eltern ihre Verantwortung eben NICHT an den Staat ab, sondern nehmen sie selbst in die Hand. Das gebietet unsere Elternschaft. Die Initiativen nämlich gehen von Eltern aus, und nicht von Politikern. Allein hätten sie aber keine Chance gegen die Mark Zuckerbergs oder Pavel Durovs da draußen.

Mensch, wach auf!

Das Thema wird uns noch lange verfolgen. Es ist komplex, vielschichtig und undurchsichtig. Was ist das Richtige zu tun, wie werden sich Maßnahmen und Gesetze auswirken, welche davon sind überhaupt sinn- und wirkungsvoll? Ich werde dieses Thema definitiv noch weiter begleiten, denn es ist wichtiger denn je.

Abschließend nur ein Beispiel: Haidt weist darauf hin, dass Social Media mit den schnellen Schnitten der reißerischen Reels und Shorts unsere Aufmerksamkeitsspanne komplett zerstört – was verheerende Auswirkungen hat. Gleichzeitig leben wir bereits im Zeitalter von KI, und die wiederum zerstört unsere Fähigkeit zur Connection. Heißt: Wenn wir Social Media verbieten, könnten sich die Jugendlichen verstärkt der KI zuwenden – und ein ganz neues global-gesellschaftliches Problem entstehen. Aktuell entsteht das allerdings ohnehin schon, wie die Nutzungszahlen von ChatGPT und Co. eindrucksvoll zeigen. Du merkst: ein echtes Dilemma.

Auf meiner Webseite transittimes.com habe ich den Untertitel „Mensch, bleib wach!“ gewählt – weil ich dem Menschen grundsätzlich unterstelle, wach zu sein. Ich frage mich aber ehrlicher Weise immer wieder, ob es nicht „Mensch, wach auf!“ heißen müsste – getreu dem berühmten Zitat „Wake up, Neo... The Matrix has you“. Mit diesem mahnenden Appell lasse ich dich heute zurück, würde mich aber sehr über deine Gedanken dazu freuen, ob per E-Mail (einfach auf diese Mail antworten) oder drüben auf Telegram.

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

PS: Nur vor zwei Wochen habe ich, wie passend, meine letzten beiden Social Media-Accounts gelöscht und darüber in Transit Times-Edition №40 geschrieben (danke für die zahlreichen Rückmeldungen!). Das bedeutet, dass ich ab sofort noch stärker auf deine Mithilfe angewiesen bin, wenn dieser Newsletter weiter wachsen soll. Und da ich mich wirklich sehr über weitere Leser freuen würde, habe ich eine Bitte an dich: Überlege dir doch, für wen Transit Times interessant oder relevant sein könnte – und empfiehl den Newsletter gerne weiter. Dafür schon jetzt ein herzliches Dankeschön!

Es ist doch nur ein bisschen Heroin

— von Debora Höly

Den Zugang und die Nutzung sozialer Medien zu regulieren, sei Aufgabe der Eltern und nicht des Staates, sagt Jakob von Lindern, Leiter des ZEIT-Ressorts Digital. Eltern seien es schließlich, die jungen Kindern den Zugang zu diesen Plattformen allzu leicht ermöglichen würden und jetzt die Verantwortung auf den Staat abwälzen wollten. Dem möchte ich entschieden widersprechen.

Ja, Eltern geben leider oft selbst kein gutes Beispiel ab, was die Handynutzung betrifft. Und ja, natürlich sollten wir als Eltern in eine Beziehung zu unseren Kindern investieren, damit sie zu uns kommen, wenn sie etwas Verstörendes gesehen haben. Aber: Begleiten allein reicht nicht – zumindest nicht für unter 15-Jährige. Denn selbst wenn mein Kind zu mir kommt, weil es Gewalt, Pornographie oder Folter im Netz gesehen hat, ist der Schaden doch schon entstanden. Das Kind hat dann bereits – und möglicherweise nicht zum ersten Mal – Dinge gesehen, die niemand sehen sollte, schon gar nicht Kinder. Zu meinen es sei allein Erziehungsaufgabe, mein Kind vor all der Sch**e zu schützen, die da draußen rumschwirrt, erscheint mir naiv und kurzsichtig.

Die Nutzung von Social-Media hat für Kinder und Jugendliche nachweislich dramatische Folgen. Nicht nur ihre mentale Gesundheit leidet enorm, auch ihre Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer, bis sie sich schließlich kaum noch länger als ein paar Sekunden auf etwas konzentrieren können. All das hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche von der Schule, über Familie bis hin zum (späteren) Beruf. Für mich stellt sich daher eine ganz andere Frage: Warum halten wir so vehement daran fest, dass etwas, das nachweislich das Gehirn unserer Kinder schädigt, unbedingt weiterhin erlaubt sein muss?

Ja, ich bin für Mündigkeit und eine intelligente Nutzung digitaler Möglichkeiten inklusive Social-Media und AI – bei Erwachsenen. Und ja, es täte uns allen gut mehr Grenzen zu setzen: z.B. eine zeitliche Begrenzung für die Handynutzung, Handy-freie Tage etc. Doch all diese Maßnahmen geben die Verantwortung komplett an mich als Nutzer ab. Wo bleibt da die Verantwortung der riesigen Konzerne, die massenweise verstörende Inhalte verbreiten und sich daran bereichern, dass Millionen Menschen schlicht süchtig sind?

Zurück zu den Kindern, um die es uns ja angeblich allen geht: Ein staatliches Social-Media-Verbot würde selbstverständlich nicht alle Probleme lösen. Aber es wäre ein Signal in Richtung der großen Plattformen und ein Schutz für unsere Kinder. Ich müsste mich dann hoffentlich nicht mehr rechtfertigen, warum mein Zehnjähriger noch kein Smartphone hat. Die Bringschuld läge dann auf der anderen Seite. Denn das Abwehren realer digitaler Gefahren für meine Kinder ist nicht allein Erziehungsaufgabe. Als Gesellschaft sollte uns allen daran gelegen sein, dass unsere Kinder gesund aufwachsen und von uns lernen, was es bedeutet in Gemeinschaft zu leben. Und dass Heroin nichts für Kinder ist, ist eigentlich eine Binsenweisheit.

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