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Kein Aber-Rhabarber!

»Whataboutism does not work with the police, judges, or our mothers.
If you work in customer service, do not try this. If you work for an airline, when a customer comes to you complaining that the airline has lost his family's luggage, it will not lead to job retention if you say, as a representative of the airline, that the other airlines lose luggage too.«
— John Dickerson
iGude!

„In den letzten Tagen haben wir die Diskussion um KI, Fake Pornos etc. mit zwei Prominenten (Christian Ulmen und Collien Fernandes, Anm.); vor dem Brandenburger Tor hat’s auch eine Demo gegeben und man hat patriarchale Strukturen und Männer kritisiert – das war das Thema. Aber zum Beispiel diese Vergewaltigungsgeschichte wurde da überhaupt nicht thematisiert.“

Das sagt Ali Toprak, der am Ende des Satzes hörbar empört ist (ab Minute 35:23). Toprak ist Vorsitzender der Kurden in Deutschland, Ex-Grüner und jetzt CDU-Mann und im ZDF-Fernsehrat. So zumindest beschreibt ihn der BR im Podcast „Kaffee, extra schwarz“ mit dem bekannten Host Ahmad Mansour und Journalist und Host Oliver Mayer-Rüth. Womit wir uns heute einem äußerst brisanten Thema zuwenden, also schnall dich an.

Stufe 1: Die absichtliche Vertuschung?

Worum es bei dieser „Vergewaltigungsgeschichte“ geht? Googles KI fasst es wie folgt zusammen:

Im Jugendzentrum Wutzkyallee (in Berlin, Anm.) kam es zu schweren Vorfällen sexualisierter Gewalt gegen eine 16-jährige deutsche Schülerin (hier irrt die KI sich. Korrekt ist wohl türkisch-kurdische Schülerin, Anm.), die Ende 2025 in den Räumen der Einrichtung vergewaltigt und Anfang 2026 von einer Gruppe erneut sexuell belästigt worden sein soll. Die mutmaßlichen Täter sind laut Polizeiangaben eine Gruppe von Jugendlichen und Heranwachsenden mit Migrationshintergrund. Der Fall löste einen bundesweiten Skandal aus, da das Zentrum und das zuständige Jugendamt die Taten über Monate nicht zur Anzeige brachten, was zu Ermittlungen wegen Strafvereitelung im Amt gegen Verantwortliche und zur vorläufigen Schließung der Einrichtung führte.

Laut dem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenportal rbb24, das am 12.03.2026 darüber berichtete, hatte zuerst einen Tag zuvor die Bild-Zeitung darüber berichtet. Nur eine Stunde später berichtete auch der Tagesspiegel darüber, der ebenfalls die Bild-Zeitung als erste Erwähnung des Vorfalls angab. Noch am gleichen Abend folgte eine Meldung der Boulevardzeitung B.Z., die wie die Bild-Zeitung ebenfalls zum Axel Springer Verlag gehört.

Am 17. März 2026, also sechs Tage später, veröffentlichte auch die Süddeutsche Zeitung einen Artikel dazu, in dem sie das aus meiner Sicht zentrale Thema dieses Falls benennt:

Verschärft wird die Lage durch einen schwerwiegenden Vorwurf: Im Jugendamt soll man sich bewusst dagegen entschieden haben, die Polizei einzuschalten, weil man eine Stigmatisierung arabischstämmiger Jugendlicher in diesem Zusammenhang verhindern wollte. So berichten es mehrere Medien übereinstimmend.

Dabei bezieht die Süddeutsche sich vermutlich auf die Bild-Zeitung, den Tagesspiegel, rbb24 und B.Z. Zu dem Zeitpunkt hatte der rbb24 bereits am 16.03.2026 eine zweite Meldung dazu veröffentlicht, die ebenso wie die erste rbb24-Meldung vom 13.04.2026 auch auf Tagesschau.de zu finden ist.

Weiter haben noch vor der Süddeutschen die Berliner Morgenpost (erstmals am 11.03.2026), die taz (erstmals am 12.03.2026), Welt (erstmals am 12.03.2026), die Berliner Zeitung (erstmals am 13.03.2026), Cicero Online (erstmals am 15.03.2026), der Berliner Kurier (16.03.2026), Der Spiegel (erstmals am 16.03.2026, Paywall), die Zeit (erstmals am 16.03.2026) und der Münchner Merkur (erstmals am 16.03.2026) darüber berichtet.

Stufe 2: Die ausbleibende Empörung?

Warum ich das alles so ausführlich darlege? Weil in einem ähnlichen Zeitraum, nur wenige Tage später, am 21. März 2026, der Spiegel mit dem Artikel über Collien Fernandes und Christian Ulmen eine bundesweite Lawine auslöste, die tausende von Menschen auf die Straßen trieb. Allein in Hamburg sollen es nach Polizeiangaben 17.000 Demonstranten gewesen sein.

Und auch ich griff am 2. April 2026 in meiner Transit Times-Edition das Thema auf, widmete mich allerdings nicht speziell dem Fall Fernandes, sondern einem der großen Themen dahinter anhand einer Reaktion eines Unternehmers auf die Debatte. So weit, so bekannt.

Ein Transit Times-Leser machte mich anschließend auf die oben zitierte vom Jugendamt mutmaßlich vertuschte Vergewaltigung aufmerksam, von der ich bis dato noch nichts mitbekommen hatte. Sein Take: Ja, was bei Fernandes passiert ist, ist schlimm – aber der Vergewaltigungsvorfall auch. Warum gab es da keinen öffentlichen Aufschrei, warum ist hier niemand auf die Straßen gegangen?

In die gleiche Kerbe schlug wenige Tage später der eingangs zitierte Ali Toprak im BR-Podcast „Kaffee, extra schwarz“. Was mich dazu veranlasste, tiefer über mein Störgefühl dieses Einwands nachzudenken.

Zunächst einmal muss ich mich selbst hinterfragen: Befinde ich mich gerade im Widerstand gegen eine alternative Wahrheit, die ich nicht sehen oder anerkennen möchte? Denn das ist genau der zentrale Vorwurf, der gegenüber dem Jugendamt im Raum steht:

In Neukölln erhärtet sich gerade ein schlimmer Verdacht. Mitarbeiter*innen des Jugendamts haben offenbar viel zu spät und zögerlich auf eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem Jugendzentrum reagiert, weil sie die Täter vor Stigmatisierung und einem Generalverdacht schützen wollten. Die muslimischen Jugendlichen seien schon genug im Visier der Polizei, soll die verantwortliche Sozialraumkoordinatorin demnach gesagt haben.

So beschreibt es die taz. Getreu dem Motto „Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf“, was ich bereits in der gleichen Transit Times-Edition zum Fall Fernandes, aber in anderem Kontext zitierte. Mein Störgefühl jedoch ist anderen Ursprungs. Es richtet sich gegen den suggestiven, unterschwelligen Vorwurf, hier werde das eine Unrecht bevorzugt gegenüber dem anderen Unrecht behandelt, das doch mindestens genauso schwer wiegt. Und genau das will ich im Folgenden entwirren.

Stufe 3: Die entlarvende Relativierung

Also: Dieses argumentative „Ja aber“ von Ali Toprak ist ein prima Beispiel für Whataboutism. Einmal mehr die Google-KI zu diesem neudeutschen Begriff: „Whataboutism (abgeleitet von englisch What about …? – ‚Was ist mit …?‘) ist ein rhetorisches Ablenkungsmanöver, bei dem Kritik nicht beantwortet, sondern durch den Verweis auf andere Missstände relativiert wird.“

Man kann dieses Muster prima im Cicero-Artikel von Philosoph Alexander Grau erkennen, der wie folgt beginnt:

„Eines vorneweg – nicht aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung: Was der Schauspieler Christian Ulmen seiner ehemaligen Frau Collien Fernandes mutmaßlich angetan hat, ist unentschuldbar und abstoßend. So etwas darf man nicht verharmlosen.“

Nur um gegen Ende des Artikels bei folgender Erkenntnis zu landen:

„Und wo wir schon dabei sind: Deep-Fakes und Vergleichbares sind widerlich und nicht hinnehmbar. Noch weniger hinnehmbar sind allerdings die physischen Vergewaltigungen, die in diesem Land stattfinden. Ob durch Inländer, Ausländer oder Migranten. Doch das Schweigen jener, die jetzt wütend demonstrieren, wenn importierte – also aus ideologischen Gründen in Kauf genommene – sexuelle Gewalt eine Rolle spielt, ist doch auffällig. In Heinsberg bei Aachen kam es im letzten Herbst zu einer Gruppenvergewaltigung eines Teenagers durch fünf Männer syrischer und irakischer Herkunft. In einem Neuköllner Jugendzentrum wurde im Januar ebenfalls eine Jugendliche von Tätern mit Migrationshintergrund vergewaltigt. – Demonstrationen? Keine.“

Es sei wie immer, schließt er – seine Empörung lässt sich hier ähnlich wie bei Toprak schon im Geschriebenen erahnen –, Moral spiele nur dann eine Rolle, wenn das eigene Weltbild tangiert werde. Dann könne die Empörung nicht groß genug sein und alle Maßstäbe verschieben sich. „Dann werden – um den Dichter zu zitieren – ‚Weiber zu Hyänen‘ (und Männer natürlich auch)“, so Grau, der sich hier bei einer abfälligen Ausdrucksweise der Frau feige hinter einem Dichter versteckt. Wenn jedoch Verbrechen geschehen, die nicht in das eigene Weltbild passen, dann herrsche Grau zufolge das große Schweigen. Sein Fazit: „Das macht die aktuelle Aufregung so heuchlerisch, überzogen und unglaubwürdig.“

Und auch Topraks Zitat enthält noch weiteren Tobak: „Aber zum Beispiel diese Vergewaltigungsgeschichte wurde da überhaupt nicht thematisiert … weil dort die Täter eine Migrationsgeschichte haben.“ Das seien die Widersprüchlichkeiten, die wir in diesem Land haben, „wo bestimmte linksliberale progressive Kreise meinen, sie würden damit die Migranten schützen.“

Kurzer Einschub: Ja, was im Neuköllner Jugendclub passiert ist, ist ein Skandal. Insbesondere dass diejenigen, die die Opfer hätten schützen sollen, stattdessen die Täter geschützt haben, birgt eine hohe Brisanz, wie auch die Süddeutsche Zeitung im oben bereits zitierten Artikel treffend auf den Punkt bringt:

„Das ist brisant in mehrfacher Hinsicht: Zum einen, weil hier möglicherweise nicht nur der Jugendschutz, sondern auch der Opferschutz zugunsten von Tätern und einem falsch verstandenen Antirassismus vernachlässigt wurde. Zum anderen, weil gerade die Linke in Neukölln im Verruf steht, das Thema ‚antimuslimischer Rassismus‘ als eine Art Pauschalschutz für arabischstämmige oder muslimisch gelesene Täter zu missbrauchen.“

Ein Skandal, der im Übrigen zeigt, wie sehr diese mutmaßliche Vertuschung nun nach hinten losgeht. Denn wie gesagt: Zahlreiche Medien berichteten bereits vor dem Fall Fernandes darüber und tun es in den letzten Tagen auch weiterhin. Aktuell zwar weniger als über Collien Fernandes, wenngleich das öffentliche Interesse zu Fernandes derzeit stark rückläufig ist, wie Google Trends belegt:
Die Suchanfrage nach „Jugendzentrum Wutzkyallee Berlin“ verzeichnet, wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau, einen satten Zuwachs von 600 Prozent (Stand 15.04.2026):

Stufe 4: Die irreführende Medaille

Wenden wir uns nun Mansours ganz speziellem Einwand zu. Toprak gegenüber erwidert er nämlich: „Stell dir vor, das wäre ein Rechtsradikaler, der ein muslimisches Mädchen vergewaltigt, was ich absolut nicht hoffe und nicht sehen will, aber dann wäre die Empörung enorm, enorm groß“, woraufhin Host Oliver Mayer-Rüth empört beipflichtet und ergänzt: „Straftat ist Straftat, aber wir machen Unterschiede aufgrund der Herkunft.“ (Bis Minute 37:08)

Warum ich Mansours Gedankenspiel problematisch finde, führe ich gleich näher aus. Entscheidend ist für mich an dieser Stelle etwas anderes. Nämlich Topraks und vermutlich auch Mayer-Rüths „Aber“ sowie Alexander Graus „Allerdings“ und „Doch“. Warum diese Gegenüberstellung? Wo wir bei meinem Störgefühl dieses „Abers“ wären.

Wenngleich ich ihr Argument verstehen kann: Toprak, Mansour, Mayer-Rüth und Graus „Aber“ konnten mich nicht überzeugen. Ihre Gegenüberstellung teile ich ganz grundsätzlich nicht. Konkret stört mich, das Leid des einen (einer Frau, die exemplarisch für Millionen Frauen und ihre meist ungesehenen und weitestgehend ungeahndeten Gewalterfahrungen steht) gegen das Leid des anderen (einer minderjährigen Jugendlichen, die dort, wo sie hätte geschützt werden sollen, Opfer von sexueller Gewalt wurde, und dann erneut nicht geschützt wurde von denen, die sie hätten schützen sollen, was absolut verheerend ist) auszuspielen oder aufzuwiegen. Beides ist Leid, beides ist schlimm.

Genauso wenig teile ich eine rein hypothetische Gegenüberstellung, die es faktisch so nicht gab. Womit ich auf Mansours Gedankenexperiment anspiele, das so oder so ähnlich immer mal wieder bemüht wird. Hier bewegen wir uns in einem spekulativen Bereich, der im Grunde nur vorgeschoben ist und letztendlich eine ähnlich relativierende Wirkung hat wie die tatsächliche Gegenüberstellung und lediglich das Ziel verfolgt, der eigenen Empörung mehr Substanz zu verleihen. Mit einem vergifteten Luftschloss.[1]

Zurück zur Realität. Die eine Thematik – Gewalt im digitalen Raum – ist weitestgehend unbekannt, was auch erklärt, warum es dafür derzeit eine unzureichende Gesetzeslage gibt. Für die andere Thematik gibt es bereits Gesetze, die jedoch in diesem Fall missachtet wurden, was schwerwiegende Fragen aufwirft, denen man unbedingt nachgehen sollte.

Über beide Fälle wurde von den großen Medien berichtet, mehrmals, seit Wochen, auch wenn dabei zwischenzeitlich ein Thema sehr viel stärker im Fokus stand. Letzteres kann man auch kritisieren oder ablehnen, wo sich für mich bis hierhin der Kreis schließt.

Um es an der Stelle jedoch klar und deutlich zu sagen: Wir haben es hier schlicht nicht mit zwei Seiten einer Medaille zu tun, sondern mit zwei unterschiedlichen Fällen, die sich einreihen in hunderte weitere relevante Fälle, von denen jedoch nur ein Bruchteil so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, manche Fälle sogar gar keinen. Also Vorsicht vor der gedanklichen Falle, diesen künstlich erzeugten Dualismus zu übernehmen.

Stufe 5: Die aufdeckende Entwirrung

Das alles erklärt noch nicht, woher dieser Aber-Reflex eigentlich herrührt. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, und sich schon bei den vier Männern unterscheiden. Lass mich zunächst einmal darlegen, warum ich mich mit diesem Reflex schwertue:

Während das eine vor allem ein „Für“ zum Ausdruck bringt, betont das andere ein „Gegen“. Der Fall Collien Fernandes steht wie gesagt exemplarisch für tausende von Frauen, tausende von Opfern, die jahrelang nicht gesehen und geschützt wurden. Weder von Männern noch von Medien noch, im ausreichenden Maße, von der Justiz. Und das erklärt für mich auch ganz gut, warum es hier zu einer sehr großen öffentlichen Empörung kam.

Der Fall Jugendzentrum Wutzkyallee hingegen mutet zunächst wie ein Einzelfall an. Das macht eine Sache natürlich nicht besser, erklärt aber zu einem gewissen Teil den zunächst stärkeren lokalen Bezug. Hinzu kommt die Komplexität des Falls, die Vielschichtigkeit und die Unklarheit, wer genau nun was genau gesagt und getan oder eben nicht gesagt oder getan hat. Das entschuldigt keine ausbleibende oder ausreichende Empörung, sollte sie denn angebracht sein, aber gegen wen oder was sollte ich denn empört auf die Straße gehen? Gegen die migrantischen Täter? Gegen die Mitarbeiter vom Jugendamt? Gegen die Politiker der Linke? Gegen das System? Das ist mir unklar – und bietet viel Sprengkraft, politisch instrumentalisiert zu werden (worauf ich gleich nochmal zu sprechen komme).

Während der eine Fall im Wesentlichen für die Solidarität mit Betroffenen steht, steht der andere Fall für Hass und Ab- oder Ausgrenzung gegenüber gewissen Bevölkerungsgruppen, politischen Parteien oder Systemen. Und das ist ein sehr großer Unterschied.[2]

Bei Collien Fernandes gehen die Demonstranten für den Schutz von Opfern von Gewalt auf die Straße. Diejenigen, die solche Demonstrationen auch für die andere Seite fordern (oder sich um das Ausbleiben davon „wundern“ und gleichzeitig nie darüber nachdenken würden, selbst für diese betroffenen Frauen auf die Straße zu gehen), fordern und fördern doch in Wahrheit Hass gegen die Ausländer, die so etwas Schreckliches begehen. Das ist keine Liebe – oder wenn, dann eine sehr verdrehte, pervertierte Liebe.[3]

Kurzum: Die einen sind für die Opfer, die anderen im Wesentlichen gegen die Täter (wer auch immer hier die wahren Täter sind).

Dieser Punkt verdient es, differenziert betrachtet zu werden. Denn ja, auch bei den Demos mit Solidarität für die Betroffenen mischen sich beispielsweise Frauen mit Männerhass oder andere Gruppierungen, die versuchen ein ehrbares Anliegen einer breiten Bevölkerungsschicht zu unterwandern und für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Und bei den hasserfüllten Menschen gegenüber Ausländern sind bestimmt auch welche dabei, die sich aufrichtig um ihr Land sorgen, und die sorge eine Art „fürsorgliche Liebe“ darstellt. Während die einen abzulehnen sind, sind die anderen zu befürworten.

Nur: Wie trennt man die Spreu vom Weizen? Müssen wir beides aushalten? Ich frage mich, wie man solch eine Fürsorge konstruktiv ausdrücken kann, in klarer Abgrenzung von den destruktiv hasserfüllten Stimmen? Unter die Bauernproteste beispielsweise mischten sich auch einige mit rechtsextremem Gedankengut, und sie vergiften das ehrbare Anliegen, vermischen Sorge und Fürsorge mit Hass. Das führt zu nichts Gutem.

Nochmal: Natürlich verurteile ich die Vergewaltigung einer minderjährigen Person aufs Schärfste und ebenso die die Vertuschung solcher Fälle, ganz gleich aus welchen Motiven. Aber entscheidend ist dabei doch nicht, welche Nationalität der Täter hatte – ein Ausländer macht die Tat für mich weder besser noch schlimmer.

Vermutlich fanden im gleichen Zeitraum Missbräuche und Vergewaltigungen durch Deutsche, durch Väter, durch Großväter, durch Brüder und vereinzelt auch durch Frauen statt, die genauso empörend und ekelerregend sind. Doch weil wir davon nichts mitbekommen haben, schreibt auch niemand darüber und geht auch keiner für dieses Unrecht auf die Straße. Die Betroffenen, die es tagtäglich gibt, in der Katholischen Kirche, in der Evangelischen Landeskirche, in Freikirchen, in Sportvereinen, in Kitas und Schulen genauso wie privat zuhause – sie haben (oft) keine Stimme.[4]

Und auch das erklärt, warum im Fall Fernandes so viele Menschen auf die Straße gegangen sind. Das Leid vieler Opfer, das im Verborgenen tagtäglich zuhauf ungeahndet stattfindet – ausgelöst durch die Prominenz von Opfer und Täter – wurde nun erstmals öffentlich. Somit konnte der über Jahre hinweg angestauten Trauer, dem Leid und der Wut erstmals öffentlichkeitswirksam Ausdruck verliehen werden. So wichtig und wertvoll!

Wer hier ein „Ja aber“ fordert, relativiert dieses Leid, ob er will oder nicht, spielt das Eine gegen das Andere aus und offenbart damit etwas, das – womöglich unbewusst – tief im eigenen Herzen verborgen stattfindet.

Daher wünsche ich mir kein dualistisches Entweder-oder, sondern ein ganzheitliches Sowohl-als- auch, ohne dem Anderen das wegnehmen zu wollen, was er verdient hat: Aufmerksamkeit, Anerkennung, Zuspruch, Recht und nicht zuletzt Würde.

Stufe 6: Das tieferliegende Bedürfnis

Ein schönes Schlusswort, nicht wahr? Wenn da nicht eine tieferliegende Thematik wäre, die ich zuletzt noch ansprechen möchte. Wir haben es hier unter anderem mit Liebe, Wut, Hass und Angst zu tun. Und es lohnt sich, hier einmal genauer hinzuschauen.

Bemühen wir zunächst die rationale Logik, also die Spitze unseres inneren Eisbergs. Diese besagt:

Ungerechtigkeit A bekommt grob geschätzt zwischen 90 und 99 Prozent der Aufmerksamkeit in den Medien und der Bevölkerung, Ungerechtigkeit B im gleichen Zeitraum lediglich 1 bis 10 Prozent der Aufmerksamkeit. Der inneren Logik nach erscheint das ungerecht. So weit, so nachvollziehbar.

Ungeachtet dessen, dass wir hier einen Logikfehler begehen, da wir uns ja auf einen inneren Dualismus einlassen, der weitere zeitgleich stattgefundene Vergewaltigungen ausblendet und schon allein deshalb nicht der Realität entspricht (und auch ethisch höchst fragwürdig ist, da er durch die Gegenüberstellung Leid gegeneinander ausspielt), lasse ich mich mal temporär auf diese Logik ein und begebe mich im inneren Eisberg eine Etage tiefer. Welche Gefühle sind damit verknüpft, welche Emotionen klopfen hier bei dir an?

Oder anders gefragt: Warum eigentlich diese starke Wut, warum womöglich sogar dieser Hass? Auf wen? Auf die Medien? (Sie haben doch berichtet!) Auf irgendetwas Abstraktes? Dann wirkt es vorgeschoben, aber was könnte dann dahinter stecken? Angst? Wovor? Oder Trauer? Worüber?

Das Vorgeschobene begegnet uns leider häufiger als wir denken. Beispielsweise beim Kampf gegen:
  • Antisemitismus: Was, wenn es insgeheim nicht um Liebe gegenüber Juden geht, sondern um versteckten Hass auf Ausländer, insbesondere Muslime? Und welche Angst steckt da eigentlich dahinter?
  • Ausländerkriminalität: Was, wenn der Hass auf (kriminelle) Ausländer nur ein vorgeschobenes Gefühl ist, es in Wahrheit aber vielmehr um Angst geht? Angst wovor?
  • Abtreibung: Was, wenn es nicht um Liebe zum ungeborenen Leben, sondern etwas ganz anderes geht? Etwa um den Hass auf die Personen, die Abtreibung legalisieren oder propagieren? Welche Angst steckt hier womöglich dahinter?
Zurück zum Thema. In dem einem Fall gibt es, und das habe ich bereits erwähnt, sicher Frauen, die Hass auf Männer haben – und solche Demonstrationen gezielt versuchen zu unterwandern und dabei ihre eigene Agenda verfolgen. Umgekehrt gibt es sicher auch Männer, die Hass auf Frauen haben – insbesondere auf die Frauen, die Männer hassen und solche Demonstrationen wie im Fall Fernandes unterwandern. Beide Gruppen begehen einen schwerwiegenden Fehler.

Ja, Männer werden einerseits schnell pauschal unter Generalverdacht gestellt, was nicht hilfreich ist, und fühlen sich andererseits schnell angegriffen, was ebenfalls nicht hilfreich ist. Wo wir beim Thema Geschlechterkampf wären, der medial leider nur allzu schnell und oft entsteht, und neben dem dualistischen Links-Rechts-Kampf ein weiteres Schlachtfeld befeuert und ein friedliches Miteinander vergiftet. Lies dir nur das Eingangszitat von Ali Toprak durch, das sehr deutlich macht, wer sich hier aus welchem Grund getroffen fühlt und infolgedessen in den Widerstand gegangen ist.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass du all das hier völlig emotionslos gelesen hast. Das ganze Thema ist so heftig vermint, dass man gefühlt nur verlieren kann, wie ich bereits in der zweifach verlinkten Transit Times-Edition eingangs schrieb. „Zu Schweigen wäre dennoch keine gute Lösung.“ Und genau deshalb schreibe ich, entgegen Graus Unterstellung, darüber – und freue mich auch über deine Gedanken dazu. Denn eines ist sicher: Hiermit ist bei Weitem noch nicht alles gesagt – weshalb ich die Thematik ganz sicher noch das eine oder andere Mal aufgreifen werde. In diesem Sinne: Wir lesen uns.

Bis nächste Woche,

Dein Daniel

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PS: Die Gedanken zu dieser großen Thematik kamen mir größtenteils am vergangenen Sonntag. Alles, was ich brauchte, war ein bisschen Ruhe und Frieden. Verschriftlicht habe ich sie jedoch unter Schmerzen, da mein Handgelenk mir zur Zeit starke Probleme bereitet. Aber mir war es ein Herzensanliegen. Nicht aus Wut heraus auf die kritischen Stimmen (insbesondere Mansour schätze ich grundsätzlich sehr für seine unerschrockene Art, uns immer wieder den Spiegel vorzuhalten), sondern weil es mir ein Herzensanliegen ist, zum einen ein gesundes und friedliches Miteinander in der Gesellschaft vorzuleben und dafür einzustehen und ich zum anderen davon überzeugt bin, dass wir dafür Männer brauchen, die Frauen – unabhängig der Art ihrer Gewalterfahrung – schützen und lieben und deshalb auch dazu in der Lage sind, anderen Männern im Falle von grenzüberschreitendem, missbräuchlichem Verhalten klare Grenzen aufzeigen.

[1] Mal ganz abgesehen davon, dass Mansour in seinem kurzen Zitat zumindest nahelegt, nicht das Versagen des Jugendamts, sondern das Verbrechen des muslimischen Täters als zentrales Thema zu erachten – und bei der von ihm kritisierten ausbleibenden Empörung verschiedene Ebenen in einen Topf schmeißt.
[2] Kritiker mögen hier einwerfen, dass die Vergewaltigung im Berliner Jugendzentrum für all das stehe, was in der Migration falsch laufe – was meinen Punkt jedoch nicht automatisch negiert.
[3] Bitte verstehe mich nicht falsch: Ich sage damit nicht, dass in Puncto Migrationspolitik nicht erhebliche Fehler begangen wurden oder ideologische Vorstellungen gewisse Handlungen verblenden können – aber das ist in diesem Fall nicht zentraler Gegenstand des Themas und wurde umgekehrt auch nicht offen als solches gekennzeichnet. Zumal es auch dann nichts mit dem exemplarischen Fall Collien Fernandes zu tun hätte.
[4] Ob mir dieses Unrecht ins Weltbild passt oder nicht, spielt dabei entgegen der Annahme von Alexander Grau keine Rolle. Entscheidend ist, dass ich mich für ein Weltbild einsetze, in dem wir in Frieden miteinander leben. Genau deshalb schweige ich nicht.

Hören.

Justin Bieber.
Raw.
Real.
100% Vulnerability.

Sehen.

In Unterhose! Mit Spiegel! Und Loops. Linkshänder-E-Gitarre. Live. Wow.

Die Performance von Justin Bieber ist auch optisch bemerkenswert. Bemerkenswert reduziert, aber falls es nicht klar wird: Justin Bieber stellt sich hier dem worst nightmare von Millionen Menschen (von denen ihn einige in der Vergangenheit ganz sicher schon verbal abgewertet haben): in Unterhose auf der Bühne, nothing else to hide. Mitsamt seinem Spiegelbild, das ihm genau das unausweichlich vor Augen führt. Maximale Konfrontation. What a bold move—and what a statement against all this AI music. Can we at least appreciate that for what it is? Human (he)art, inviting us for a deeper connection.

Fühlen.

Was für eine Woche. Erst dieser lange Text zu diesem schwierigen Thema (was mich schon seit vergangenem Sonntag die ganze Woche über beschäftigt hat), und dann noch drei weitere emotionale Themen, die mich aufwühlten. Zeit für Sunshine, Zeit für (real) Connection, Zeit fürs Wochenende.

Riechen.

Juhuu! Ein Leser antwortete mir sogar auf meine Frage nach den Lieblingsgerüchen in der Natur. Seine herrliche Antwort lautet wie folgt (vielen Dank, Torsten!):

- Die Lindenblüte ist ein Highlight in meinem Jahr in der Natur. Im nahen Friedhof stehen mehrere riesige Linden und ich genieße den Duft bei einem abendlichen Spaziergang, wenn die Temperaturen wieder über 20 Grad sind. Grandios.
- Rinde von frisch gefällten Fichten. Der Harzgeruch verleitet mich eigentlich immer dazu, stehen zu bleiben, mir ein Stück Rinde zu nehmen und ein paar Minuten zu inhalieren. Baum fällen ist eh schon männlich markant und der Duft gehört für mich dazu wie das Männerdeo WD-40 in der Werkstatt :) Eichem-Sägespäne hat einen ähnlichen Effekt auf mich.

Schmecken.

Eigentlich hätte es Knabe Malz verdient, hier erneut genannt zu werden. Aber zu viel des Guten ist auch nicht gut. Daher sei an dieser Stelle ein selbstgemachter Senf aus Paraguay genannt, den ich dieser Tage genießen darf. Schmeckt ganz anders als unser herkömmlicher deutscher Senf – und zieht ähnlich wie Meerrettich in die Nase, aber nur sehr dezent. Einfach köstlich!

One more Sinn

Vergleiche sind Gift. Das zumindest ist für mich eine Randerkenntnis meines langen Textes oben. Hear me out: Ja, es gibt Vergleiche zwecks Einordnung und Verständnis, etwa wenn unser Garten so groß wie zehn Fußballfelder ist (just kidding!). Und ja, es gibt auch Vergleiche, die als Vorbild und Ansporn fungieren (können).

Aber wenn wir ehrlich sind, dann sind die meisten Vergleiche, die wir als Erwachsene machen, eher solche Vergleiche, bei denen wir andere abwerten (was für ein Trottel!) oder neidisch auf unsere Nachbarn mit dem zehn Fußballfelder großen Garten schielen und uns in Ausreden und "Ja, aber" flüchten. Da wird die eine Leistung mit der anderen verglichen (Schulnoten!), der Besitz, Status oder die Fähigkeit mit Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen und im worst case sogar das eine Leid mit dem des anderen, auch auf einer persönlichen Ebene (Pah! Mein Leid ist viel schlimmer als dein Leid).

Wo vergleichst du dich mit anderen?

Augen|klick

So langsam werde ich noch zum Tierfotograf. Was soll ich sagen? Unser Gartentier, dieses Eichhörnchen, ist einfach unwiederstehlich. Findest du nicht auch?
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