
Ich halte mich für einen tiefgründigen Menschen. Und als solcher liebe ich die Warum-Fragen – wie viele meiner Generation Y. Ich will etwas verstehen, bevor ich es mache oder glaube, will sorgsam etwas auf dessen Gehalt überprüfen, um anschließend auch voll dahinterstehen zu können. Kurz: Ich will mündig sein. Aber was, wenn die vermeintlich tiefste Frage nicht immer die beste ist?
In meinem Online-Journalismus-Studium habe ich gelernt, dass man bei einer Nachricht zunächst mit dem anfängt, was neu ist. Also die Frage beantwortet, was (wann und wo) passiert ist. Anschließend beantwortet man die Frage, wie es sich ereignet hat, ehe man vielleicht noch der Warum-Frage nachgeht. Eben jene Frage also, die ich meist am spannendsten finde, insbesondere in Bezug auf Themen wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Später, im Online-Marketing, stellte ich fest, dass sich viele Unternehmen bei ihren Werbekampagnen oder Marketingmaßnahmen viele Gedanken ums „Wie“ machen. Wie erreiche ich möglichst viele Menschen? Wie schaffe ich es, dass aus Interessenten Kunden werden und aus Kunden Fans? Wie binde ich meine Kunden möglichst lange an mich? Wie muss ich diesen oder jenen Kanal bespielen, um möglichst effektiv und effizient zu performen? Wie kann ich mit all den Veränderungen Schritt halten? Wie wie wie? Bei all den Wie-Fragen war für mich schnell klar, dass sie häufig den zweiten oder gar dritten vor dem ersten Schritt darstellen – und dass die Warum-Frage hier ganz an den Anfang gehört. Das „Wie“ ergibt sich dann häufig von allein.
Doch die Fixierung auf das Warum beinhaltet leider auch eine gedankliche Engführung, der man unterliegen kann. Lasst uns als Ausgangspunkt folgende Fragenkette näher betrachten: Erste Frage: Was ist passiert? Zweite Frage: Wie ist es passiert? Dritte Frage: Warum ist es passiert? Letztere, also die Frage nach der Bedeutung, ist zweifelsohne die tiefste und für mich daher die wichtigste Ebene. Welchen Grund gibt es dafür, welchen Sinn hat etwas, welche Ursache steckt dahinter?
Verstand vs. Herz
Aber auch das „Warum“ beantwortet eben nicht alle Fragen – und ist manchmal sogar irreführend, weil es in gewissen Situationen von wichtigeren oder passenderen Fragen ablenkt. Beispiel gefällig? „Warum schlägt mein Herz?“ versus „Wofür schlägt mein Herz?“ Es wird sofort klar, dass das „Warum“ sich hier auf einer reinen Verstandesebene bewegt, typisch für unsere Wissenschaft. Das ist wichtig, keine Frage, kann manchmal sogar lebensrettend sein. Aber die für jeden von uns viel wichtigere und tiefere Frage lautet doch: Wofür schlägt mein Herz?
Verurteilen vs. Verstehen
Und auch mit Blick auf Simon Sineks Golden Circle kann der Fokus auf das Warum manchmal oberflächlich(er) sein, weil es das Empfinden zum tieferen(!) Verstehen, nämlich zur Empathie, also das Mitfühlen mit dem Gegenüber, das nicht nur zu Akzeptanz und Toleranz führt, sondern auch zur Annahme und Wertschätzung, nicht zulässt. Beispiel gefällig? „Warum bist du so komisch?“ versus „Was ist mit dir passiert?“ Letzteres ist hier die viel geeignetere Frage, um unser Gegenüber zu verstehen, auch wenn sie zunächst nur auf der Was-Ebene stattfindet.
Verstehen vs. Empfinden
Oder „Warum geht es dir nicht gut?“ versus „Was kann ich dir Gutes tun?“ Beides ist wichtig, um zu erkennen, was wann dran ist. Zur Unterscheidung brauchen wir Weisheit und viel Empathie.
Vergangenheit vs. Zukunft
Und dann wäre da noch das Warum im Gegensatz zum Wozu. Ähnliche Fragewörter mit einem konträren Fokus. Das eine schaut zurück in die Vergangenheit, das andere nach vorne. Das eine fragt nach dem Sinn, dem Grund, der Ursache für das, was geschehen ist, das andere fragt nach der Herzenshaltung, danach, wie man darauf reagiert, welche Chancen man darin sieht.
Erfolg vs. Gelingen
Was steckt hinter all diesen Überlegungen? Vielleicht der Gedanke, dass der Sinn nicht alles im Leben ist. Im Unternehmerischen mutet die Sinnmaximierung zwar als Verbesserung oder Weiterentwicklung gegenüber der klassischen Gewinnmaximierung an, aber letztendlich kann auch die Sinnmaximierung uns knechten und gefangen nehmen – Stichwort „erfolgreiches Leben“.
Das zweckfreie Spielen, dass sinnlose Herumalbern, die Seele baumeln lassen einerseits – und dem Gegenüber mit Empathie zu begegnen andererseits: Das alles ist zutiefst erfüllend und lässt uns lebendig fühlen – auch dann, wenn es manchmal sinn-, zweck- oder aussichtslos anmutet. Aber es ist schön, gut und wahr, dieses gelungene* Leben voller Hoffnung auf mehr als das, was wir verstehen können.
* Erfolg = messbar; Gelingen = nicht messbar (z.B. gebackener Kuchen). Vielen Dank dafür, Gerald Hüther
